ZEIT ONLINE : Sind wir Deutschen neurotisch, wenn wir fürchten , dass die Inflation ausbricht, nur weil die Europäische Zentralbank weiter Staatsanleihen aufkauft?

Franco Bruni : Nein. Es ist offensichtlich, dass durch die Anleihekäufe mehr Liquidität entsteht, die zu mehr Inflation führen kann.

ZEIT ONLINE : Sie sind also gegen ein stärkeres Engagement der EZB, auch wenn Italien dadurch mehr Zeit bekommt, seinen Haushalt zu sanieren?

Bruni : Ich bin nicht unbedingt dagegen. Wir sind in einer Notlage, in der die EZB dafür sorgen muss, dass das Vertrauen der Anleger zurückkehrt. Aber das Engagement sollte von kurzer Dauer sein. Wir dürfen nicht in alte Zeiten zurückfallen, in denen die Notenbanken einfach die Staatsschulden finanziert haben, wenn die Regierungen danach riefen. Die EZB sollte helfen, aber Europas Politik muss einfordern, dass die Reformanstrengungen in den Krisenländern nicht nachlassen.

ZEIT ONLINE : In ihrem jüngsten Buch, das 2009 auf dem Höhepunkt der Krise entstanden ist, rechnen Sie mit der Geldpolitik der vergangenen 20 Jahre ab. Was ist Ihr Hauptvorwurf?

Bruni : Dass wir die Regeln, die uns aus der Unordnung der Siebziger Jahre geführt haben, nicht eingehalten haben. Damals kämpften Keynesianer gegen Neoklassiker, in Italien war die Inflationsrate hoch, ebenso wie die Zinsen für Staatsanleihen – weit höher als im Moment übrigens. Die Regeln, die Italien in den achtziger und neunziger Jahren zurück auf den Pfad der Stabilität geführt haben, waren von der deutschen Stabilitätskultur inspiriert: Dazu gehörte auch die Unabhängigkeit der Zentralbank. Mein Vorwurf lautet, dass anschließend diese Regeln weltweit zu wenig Beachtung fanden.

ZEIT ONLINE : Woran machen Sie das fest?

Bruni : Seit der Japan-Krise Anfang der Neunziger, sind wir dem Irrglauben verfallen, dass wir mit dauerhaft niedrigen Zinsen die Wirtschaft ankurbeln können. Diese Geldpolitik ist verrückt, weil sie ausklammert, dass viele Staaten strukturelle Probleme haben. Diese lassen sich nicht mit mehr Geld lösen. Auch ist es verrückt zu glauben, man könne den Konsum beliebig anheizen, indem man die Zinsen de facto unter Null setzt, unter anderem, indem man die Inflationserwartungen nach oben treibt. Wir wissen heute, dass der Konsum von vielen anderen Dingen abhängt – unter anderem vom Sicherheitsempfinden der Konsumenten.

ZEIT ONLINE : Welche Folgen hat das Ihrer Meinung nach?

Bruni : Die Folge dieser Geldpolitik ist, dass wir es seit den neunziger Jahren in Europa mit einer drastisch steigenden Geldmenge zu tun haben – sie wächst weit schneller als das Bruttoinlandsprodukt. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht ständig exzessive Booms finanzieren.