Soll man nun den Optimisten oder Pessimisten trauen? Egal, wie man es sieht: Gar nicht privat fürs Alter vorzusorgen, halten die meisten Fachleute auch für keine kluge Idee.

Finanzplaner wie Michael Reeg vom Versicherungsmakler Hoesch & Partner halten es für eine Gefahr, dass die Anleger aus Verunsicherung mit der Altersvorsorge warten oder sogar Verträge kündigen. Wenn ein Arbeitnehmer mit Mitte Dreißig etwa feststelle, dass er für einen auskömmlichen Ruhestand eine private Zusatzrente von rund 1.000 Euro im Monat braucht – und wegen der Finanzkrise nun nicht sofort, sondern erst in drei Jahren beginnt, dafür zu sparen –, dann muss er im Monat rund 100 Euro mehr zurücklegen, um auf dieselbe Rente zu kommen, rechnet Reeg vor. "Ein oder zwei Jahre fehlende Verzinsung kann man nur durch deutlich höhere Beiträge oder durch eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit ausgleichen."

Reeg rät deshalb dazu, die aktuell niedrigen Zinsen in Kauf zu nehmen. "Selbst wenn man ein paar Jahre echte Null-Verzinsung mitmacht, was bei Weitem nicht bei allen Anbietern so sein muss, ist das besser als gar nicht vorzusorgen." Das gelte insbesondere für die staatlich geförderten Vorsorge-Modelle, bei denen auf jeden Fall der jährliche staatliche Zuschuss hilft. "Allerdings ist es tatsächlich illusorisch anzunehmen, dass 50 oder 100 Euro im Monat für die Altersvorsorge ausreichen", sagt Reeg. "Das galt allerdings auch schon vor der Krise. Viele unterschätzen die Wirkung der Inflation auf ihr erspartes Vermögen."

Eine rechnerische Rentenlücke von 1.223 Euro

Reeg macht das an einer Beispielrechung deutlich. Wer 40 Jahre lang 3.000 Euro brutto im Monat verdient, also ein paar Hundert Euro mehr als der "Durchschnittsverdiener" mit 2.625 Euro, bekommt im Alter rund 1.300 Euro monatlich aus der gesetzlichen Rentenversicherung. Das ist deutlich mehr als die Mindestrente, reicht aber kaum aus, um den gewohnten Lebensstandard zu halten. Rentenexperten gehen davon aus, dass Ruheständler 70 bis 80 Prozent des Nettolohns als Gesamtrente brauchen, um ihren Alltag im Ruhestand ohne große Abstriche zu bestreiten. Als Pensionär fallen Ausgaben weg, die der Berufsalltag zuvor mit sich gebracht hat: zum Beispiel teure Arbeitskleidung, das große Auto, das Pendeln zum Arbeitsplatz, Essen mit Geschäftspartnern. Oft sind zudem Haus oder Wohnung in dieser Lebensphase abbezahlt. Und wenn die Kinder aus dem Haus sind, steht für viele Ruheständler der Umzug in eine kleinere, günstigere Wohnung an. Bei einem Nettogehalt von rund 1.800 Euro sollte also eine monatliche Rente von rund 1.480 Euro ausreichen.

Anders sieht die Lage jedoch aus, wenn man die Teuerung mit einrechnet. Geht man von einer Inflationsrate von rund 2,5 Prozent aus und von einer regelmäßigen Rentenanpassung um rund ein Prozent, bedeutet das: Der Ruheständler braucht nicht 1.480 Euro monatlich, sondern inflationsbereinigt ganze 2.789 Euro, um seinen Lebensstandard zu halten. Er bekommt, trotz regelmäßiger Rentenanpassung, aber nur rund 1.566 Euro Nettorente aus der gesetzlichen Kasse. Die Rentenlücke läge dann bei 1.223 Euro – pro Monat.