In der US-Ölindustrie macht die Not kreativ. Wie viele seiner amerikanischen Konkurrenten hat der texanische Ölproduzent Linn Energy ernste finanzielle Probleme. Der Absturz des Ölpreises drückt die Einnahmen – der Marktwert des Unternehmens ist in den vergangenen Monaten um rund zwei Drittel gesunken. Die Folge: Linn Energy brauchte Anfang des Jahres dringend Geld. Doch keine Bank wollte sich auf ein so riskantes Geschäft einlassen. Stattdessen erhielt das Unternehmen Hilfe von GSO Capital Partners. Der Kreditarm des Vermögensverwalters Blackstone, lieh Linn 500 Millionen Dollar. Laut jüngsten Medienberichten will Blackstone zudem eine weitere Milliarde Dollar für die Ölindustrie bereitstellen.

Der Deal verdeutlicht einen Wandel im globalen Finanzwesen: Banken, von der Finanzkrise gebeutelt und mit strengeren Kapitalregeln belegt, ziehen sich zunehmend aus der Kreditvergabe zurück. Die Lücke wird von Vermögensverwaltern, privaten Kreditfonds und Crowdfunding-Firmen gefüllt. Sie sind sogenannte Schattenbanken: Firmen, die Funktionen von Banken übernehmen, aber nicht wie solche reguliert werden.

Für viele Unternehmen ist der Aufstieg der Schattenbanken ein Segen. Blackstone kann Kredite meist billiger und schneller als traditionelle Banken ausstellen. Doch unter Ökonomen wächst die Sorge, dass die Ausbreitung unregulierter Kreditvergabe letztlich in die Katastrophe führen wird. "Das Schattenbankensystem ist unglaublich undurchsichtig", sagt Mark Zandi, Chefökonom des Forschungsunternehmens Moody’s Analytics. Die nächste Finanzkrise werde hier entspringen – "mit Sicherheit".

Auslöser Lehman

Zandi ist mit seiner Sorge nicht allein. "Seit der Krise fördert die zunehmende Verschärfung der Bankenregulierung möglicherweise eine Verschiebung traditioneller Bankenaktivitäten in die Schatten", heißt es in einem Bericht des Internationalen Währungsfonds (IWF) aus dem Oktober 2014. Der IWF fand Anzeichen dafür, dass aufgrund dieses Trends "die Risiken in den entwickelten Volkswirtschaften gestiegen sind". In den USA sind Schattenbanken laut IWF für mehr als die Hälfte der Kreditvergabe verantwortlich. In der Eurozone sind es bislang nur gut ein Viertel, doch auch hier steigt der Anteil.

Wer den Trend erklären will, kommt um die jüngste Finanzkrise nicht herum. Das Schattenbankensystem hatte einen wesentlichen Anteil an der US-Immobilienblase, deren Platzen im Jahr 2007 ein globales Finanzbeben auslöste. Unzählige private Vermittler vergaben jahrelang billige Hypotheken, die dann in Anleihen verpackt und an Banken und andere Investoren verkauft wurden. Doch als die Kreditblase platzte, fanden sich die Banken selbst im Zentrum der Krise wieder.

Schattenbanken: Billiger und schneller

Um gegen solche Finanzkrisen künftig besser gewappnet zu sein, verschärften die Aufsichtsbehörden weltweit die Regulierung: Die Dodd-Frank-Gesetze in den USA und die globalen Basel-III-Richtlinien verpflichten die regulären Banken, mehr Eigenkapital zurückzulegen und sich aus bestimmten riskanten Anlageformen zurückzuziehen. Das macht die Institute zwar sicherer, aber es bedeutet auch, dass sie weniger Kapital für Kredite haben.

Die Strategie hatte einen guten Grund. Denn anders als typische Fonds oder Vermögensverwalter waren viele Banken systemrelevant. Mit anderen Worten: Sie waren so groß und mit anderen Banken so stark vernetzt, dass ihre Pleite das gesamte Finanzsystem hätte mitreißen können. Zudem hätte ihre Pleite Kleinsparer treffen können – eine wichtige Wählergruppe.

Doch die Maßnahmen hatten einen Nebeneffekt: Sie bot anderen Finanzunternehmen plötzlich einen Wettbewerbsvorteil, weil sie nicht der schärferen Regulierung unterliegen. Ein Beispiel ist der US-Hypothekenmarkt, aus dem sich Banken zunehmend zurückziehen. Auf Konferenzen beklagen sich New Yorks Bankmanager regelmäßig darüber, dass sie mit der Geschwindigkeit und den Zinssätzen der Nichtbanken im Hypothekenmarkt nicht mehr mithalten können. Das Finanzunternehmen CCRE, das vornehmlich Hypotheken auf kommerzielle Gebäude in Anleihen verpackt, wurde kürzlich vom Wirtschaftsmagazin Crain’s zum am schnellsten wachsenden Unternehmen New Yorks gewählt.

Ein anderes Beispiel: Als der in New York beheimatete Basketballclub Brooklyn Nets Ende vergangenen Jahres einen 60-Millionen-Dollar Kredit refinanzieren musste, bekam er von keiner Bank ein akzeptables Angebot. Und das obwohl er eines der bekanntesten Teams der US-Liga NBA hat, den Rapper Jay-Z zu seinen Gründern zählt und mit dem russischen Milliardär Michail Prochorow einen finanzstarken Besitzer hat. Stattdessen lieh Blackstone dem Club das benötigte Geld zu einem Zinssatz von 7,5 Prozent und übernahm zudem Hypotheken auf das Barclays Center, das Stadion der Nets. "Blackstone Group ist der weiße Ritter des Barclays Center", titelte die New York Post.