Kein Ökonom, sondern ein Schriftsteller brachte die Misere der Europäischen Zentralbank (EZB) auf den Punkt. "Geld kann man drucken, Vertrauen nicht", so formulierte es der Autor Hans Magnus Enzensberger in einem Interview im vergangenen Jahr.

Was Enzensberger meint: Seit mittlerweile mehreren Jahren leitet die EZB immer mehr Geld, quasi frisch aus der Druckerpresse, in das europäische Finanzsystem. Ökonomisch mag das sinnvoll sein, um Inflation und Konjunktur anzukurbeln; dem Ansehen der Bank jedoch hat das kaum geholfen. Sie verliert zunehmend das Vertrauen der Bevölkerung. Nicht nur, aber besonders stark in Deutschland.

Auch immer mehr Politiker, bis hinein in die Regierung, stellen sich öffentlich gegen den Kurs der EZB, die die Zinsen in Europa künstlich niedrig hält. Bundesverkehrsminister Dobrindt (CSU) nennt das Vorgehen "hochriskant", sein Kabinettskollege Schäuble (CDU) gibt der aktuellen Mini-Zins-Politik sogar eine Mitschuld an den jüngsten Wahlerfolgen der Alternative für Deutschland. Selten war es so in Mode, auf die EZB zu schimpfen.

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Die Bundesbank galt als unantastbar

Dabei ließen die Deutschen viele Jahrzehnte nichts auf ihre Zentralbank kommen – sie gaben ihr sogar eine Art Kosenamen: Die Buba, kurz für Deutsche Bundesbank, war bis zur Euro-Einführung die oberste Währungshüterin im Lande. Anfang 1999, als der Euro die D-Mark zunächst als Buchgeld ablöste, wanderte diese Verantwortung auf eine gemeinsame, europäische Ebene: zur neu gegründeten EZB.

Bis dahin war die Bundesbank vor allem ein Symbol des wirtschaftlichen Erfolgs, eng verknüpft mit dem Wirtschaftswunder der Nachkriegszeit. Unabhängig von der Politik war sie vor allem einem Ziel verpflichtet: die Inflation im Zaum zu halten. Diese Aufgabe, darin sind sich die meisten Ökonomen einig, erfüllte sie gut und verdiente sich so das Vertrauen der Bevölkerung.

Natürlich musste sich auch die Buba Kritik vonseiten der Politik stellen. 1998 scheiterte beispielsweise der damalige Bundesfinanzminister Oskar Lafontaine mit seinem Versuch, die Bundesbank zu Zinssenkungen zu drängen, um die Konjunktur zu stützen. Für viele damals ein Tabubruch. Geschadet hat es der Bundesbank nicht. Im Gegenteil: In der Bevölkerung genießt sie bis heute den Nimbus des Unantastbaren.

Aber warum ist ein solches Verhalten gegenüber der EZB heute längst kein Tabubruch mehr? Wie kann es sein, dass die Deutschen einst geschlossen hinter der Bundesbank standen, der Europäischen Zentralbank aber laut Umfragen zu 54 Prozent misstrauen? Sind wir zu EZB-kritisch und Bundesbank-freundlich? Geht es nach Heiner Flassbeck, Wirtschaftsprofessor und in den Neunzigern Staatssekretär unter Oskar Lafontaine im Finanzministerium, ist die Sache klar. "Der unendliche Glaube vieler Deutscher an die Bundesbank ist nicht gerechtfertigt", sagt er.

Mit wenigen Sätzen zerlegt Flassbeck die aus seiner Sicht vermeintliche Erfolgsgeschichte der Bundesbank: In den Wirtschaftswunder-Jahren hätten die Deutschen vor allem die Geldpolitik der USA kopiert. Die anschließende Konzentration der Bundesbanker auf den Monetarismus – ein Ansatz, bei dem die Preisentwicklung über die Geldmenge gesteuert wird – hält er für krachend gescheitert. Ein Beispiel der schlechten Geldpolitik: die steigende Arbeitslosigkeit in den achtziger Jahren, nachdem die Bundesbank "viel zu stark" in den Markt eingegriffen habe. "Das war Unsinn", meint Flassbeck.