Ideal, optimal und ausgezeichnet – die Werbesprache für Lebensversicherungen klingt vertraut, doch Vertrauen schaffen diese Worte immer weniger. Wer für die Rente vorsorgen will, dem empfehlen Finanzexperten in Zeiten von niedrigen Zinsen längst: "Finger weg vom Neuabschluss!" Viel zu gering seien die Erträge mittlerweile. Dabei waren Lebensversicherungen in Deutschland sehr beliebt. Sie galten als sicher und rentabel. Noch immer existieren mehr als 68 Millionen Policen in Deutschland. Aber der Bestand der Verträge sinkt: 2015 ist er im Vergleich zum Vorjahr um 1,9 Prozent im zurückgegangen. Deutlicher noch zeigen es die Zahlen für neue Verträge von reinen Lebensversicherungen: Die Neuabschlüsse sind 2015 um fast elf Prozent im Vergleich zum Vorjahr eingebrochen. Die aktuellen Zahlen des Verbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) zeigen außerdem, dass der Verkauf von Lebensversicherungen, die als Renten- und Pensionsversicherungen abgeschlossen wurden, sogar um mehr als 22 Prozent zurückgegangen ist.

Steckt die Branche in der Krise? Die Versicherer stecken jedenfalls in der Falle: Die Kunden wünschen sich ein sicheres Produkt mit einer auskömmlichen Rendite. Der Markt verspricht Rendite aber fast nur noch in Verbindung mit mehr Risiko. Mehr zu wagen, kann jedoch am Ende bedeuten, dass noch weniger Überschüsse an die Kunden ausgeschüttet wird. Denn der Gesetzgeber fordert von den Versicherern, bei mehr Risiko auch mehr eigenes Kapital vorhalten zu müssen. Ausgerechnet, um das Geld der Kunden vor Pleiten zu schützen, die aber dafür weniger Rendite erhalten.

Der Vorstand des GDV Peter Schwark sieht das anders. Die niedrige Erträge seien nur zum Teil für den Einbruch bei den Neuverträgen verantwortlich, sagt er ZEIT ONLINE. Ein anderer Grund sei der demografische Wandel: "Die Babyboomer-Jahrgänge sind bereits durch mit ihren Vertragsabschlüssen." Wegen der seit 2004 bestehenden Besteuerung würden zudem kaum noch mehrere 12-Jahres-Verträge hintereinander abgeschlossen, sondern nur einer, dann aber eher über 30 Jahre.

Raus aus den unrentablen Bundesanleihen

Also doch keine Krise in der Versichererbranche? Selbst wer Schwarks Erklärung für die rückläufigen Zahlen folgt, erkennt, wie ungünstig die Lage für die Lebensversicherer und ihre Kunden ist. Lange mussten die Unternehmen vergleichsweise wenig Risiko eingehen. Staatsanleihen waren über Jahrzehnte hinweg die Lieblingsanlageform der Versicherer. Mit Sicherheit und guter Renditen entsprachen sie einem deutschen Grundbedürfnis von risikoloser und zugleich solider Geldvermehrung. Doch jetzt müssen die Anlagemanager ihre Strategie anpassen, zu gering sind die Renditen bei Staatsanleihen. "Das Anlageportfolio hat sich verändert", sagt GDV-Vorstand Schwark. "Eher weg von Bundesanleihen, hin zu Pfandbriefen, Hypotheken, vermehrt Unternehmensanleihen, Immobilien, teilweise auch Aktien."

Hans-Peter Schwintowski, Professor für Versicherungsrecht an der Humboldt-Universität zu Berlin, sieht die Anlagemanager der Lebensversicherer in der Pflicht: Bislang läge noch immer 80 Prozent des Anlagevermögens in Staatsanleihen. Eine echte Umschichtung habe noch nicht stattgefunden. Dabei bestätigten sämtliche Portfoliotheorien, dass die sicherste Anlage eben nicht die Staatsanleihe sei, sondern letztlich der "komplette Anlagenquerschnitt des Marktes", sagt Schwintowski.

Die Kunden zahlen für Risikoreserven

Eines ist allerdings klar. Wenn das Risiko für die Versicherer steigt, dann sinken die Garantiezinsen und es werden weniger Überschüsse an die Versicherten ausbezahlt. So will es der Gesetzgeber und das ausgerechnet, um das Geld der Versicherten gegen mögliche Pleiten abzusichern. Die Kunden sichern sich also quasi selbst ab und bekommen dafür geringere Renditen. Kritiker nennen das legale Enteignung. Wer 1999 eine Lebensversicherung abschloss, konnte sicher sein, am Ende der Laufzeit mindestens 4 Prozent Verzinsung zu erhalten. Heute sind es nur noch 1,25 Prozent. Zudem verwenden die Versicherer die obendrauf versprochenen Überschüsse mehr und mehr für die sogenannte Zinszusatzreserve. Die Unternehmen sind per Gesetz verpflichtet mehr eigenes Kapital vorzuhalten, um gegen eine mögliche Pleite gewappnet zu sein. Inzwischen ist die Reserve der gesamten Branche laut einer Studie der Ratingagentur für Versicherungsunternehmen Assekurata auf 30 Milliarden Euro angewachsen. Eine stattliche Summe, welche die Kunden mit ihren schwindenden Erträgen mitbezahlt haben. Gesetzlich festgeschrieben sind die aktuellen Vorschriften zur Risikominimierung in der EU-Richtlinie Solvency II, die am 1. Januar 2016 in Kraft getreten ist.

Doch die Versicherer versuchen nicht nur ihr Anlageverhalten zu verändern. Der finanzielle Druck auf den Unternehmen lastet offensichtlich sogar so schwer, dass sie sich bewusst von den klassischen, inzwischen unrentablen Policen trennen und sie an andere Unternehmen auslagern, sprich abwickeln. Diese Methode des Run-Offs sei laut der Unternehmensberatung Willis Towers Watson inzwischen ein beliebtes strategisches Mittel. Die Firma befragte dazu die Vorstände und Manager von 50 Versicherungsgesellschaften. "Dieser Trend zeigt deutlich, wie Solvency II, die Zinszusatzreserve und zu geringe Neugeschäftsvolumina die Unternehmen unter Druck setzen", sagt Michael Klüttgens, Leiter der Versicherungsberatung bei Willis Towers Watson in Deutschland. Für die Kunden sind solche Run-Offs oft ein Schreckensszenario, da ihre neuen Versicherungsherren die Policen meist kostengünstig abwickeln. Mit üppigen Überschüssen können sie dann kaum noch rechnen.