Im europäischen Vergleich ist Deutschland noch immer ein Land der Mieter. Die Wohneigentumsquote lag 2015 nur knapp über 50 Prozent, und damit etwa 20 Prozentpunkte unter dem EU-Durchschnitt von 70 Prozent. Die bewohnte Immobilie nur zu mieten, hat in Deutschland Tradition. Niedrige Durchschnittseinkommen in den Großstädten spielen dabei ebenso eine Rolle wie umfangreiche Bauvorschriften und eine besonders massive Bauweise.

Die niedrigen Hypothekenzinsen scheinen zurzeit eine ideale Gelegenheit, diese Situation zu ändern – und damit auch das Thema Altersvorsorge indirekt anzugehen. Wer im Alter mietfrei wohnt, benötigt ein viel geringeres Monatsbudget, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten.

Damit mehr Menschen in Deutschland demnächst in den eigenen vier Wänden wohnen, braucht es allerdings mehr als nur niedrige Bauzinsen. Die Zinsen sind ja nur der Preis des geliehenen Geldes. Statt gleich auf dieses Finanzierungsangebot der Draghi-Bank einzugehen, sollten Kaufwillige zunächst prüfen, ob die Investition insgesamt sinnvoll ist: So wie es beim Autokauf zunächst darum geht, welches Fahrzeug etwa eine junge Familie benötigt, geht es auch beim Wohnungskauf zunächst darum, den eigenen Bedarf einzuschätzen und sich über Alternativen zu informieren.

Mieteinkünfte müssen versteuert werden

Wer über den Bau oder Kauf einer Immobilie nachdenkt, sollte zunächst einigermaßen sicher sein, dass Beruf oder Familie ihn nicht schon in wenigen Jahren in eine andere Stadt führen. Die hohen Nebenkosten für Makler, Grunderwerbsteuer und Notar sorgen ansonsten dafür, dass sich das Geschäft in der Regel nicht mehr lohnt. Dies gilt auch dann, wenn man sich mit dem Gedanken tröstet, dass man die Immobilie im Notfall vermieten kann. Die Mieteinkünfte müssen versteuert werden – und in der neuen Stadt muss der Wohnungseigentümer plötzlich wieder Miete zahlen.

Bleibt das Argument, dass die Immobilienpreise gerade steigen, und man die Wohnung auch in einigen Jahren wieder verkaufen kann, idealerweise sogar mit Gewinn. Erst in der vergangenen Woche hat der Immobilienverband IVD verkündet, dass die Preise für bestehende Eigentumswohnungen im Vergleich zum Vorjahr deutlich gestiegen sind: Mehr als neun Prozent teurer waren Eigentumswohnungen in den größeren Städten. Bereits im Vorjahr hatten sich die Wohnungspreise um sieben Prozent erhöht.

Allerdings gibt es keine Garantie dafür, dass die Zinsen immer so niedrig bleiben wie zurzeit – und die Nachfrage nach Wohnungen so hoch. Sollten die Zinsen in einigen Jahren wieder steigen, dürfte die Immobiliennachfrage in vielen Regionen wieder sinken. Mit einem Zinsanstieg steigt die Monatsrate an die Bank: Wer für einen Baukredit von 200.000 Euro plötzlich vier statt zwei Prozent an Zinsen zahlt, startet mit einer Monatsrate, die 330 Euro über der Niedrigzinsrate liegt. Der Kreis möglicher Bauinteressenten und Käufer dürfte damit kleiner werden. Und schließlich ist bereits jetzt zu sehen, dass die Zahl der Baugenehmigungen wieder steigt – und damit absehbar auch das Angebot an neuen Wohnungen. Wer bis jetzt noch nicht gekauft hat, sollte also nicht damit rechnen, dass der Preisanstieg bei Immobilien wie in den zurückliegenden Jahren bleibt.

Wer also auf der Suche nach der richtigen Wohnung ist, sollte sich von der allgemeinen Euphorie um Immobilien nicht anstecken lassen. Das gilt gerade dann, wenn die gemietete Wohnung noch einigermaßen preiswert und ein Anstieg des Mietpreises zunächst einmal unwahrscheinlich ist. Dann kann es sogar die bessere Strategie sein, den Preisanstieg noch einige Zeit aus der Distanz zu betrachten, und sich erst dann wieder mit dem Thema Immobilie zu beschäftigen, wenn die Zinsen gestiegen – und die Preise hoffentlich wieder gesunken sind.