Geld unter der Matratze ist eine schlechte Alternative – Seite 1

ZEIT ONLINE: Herr Tenhagen, immer mehr Banken verlangen Negativzinsen dafür, dass sie das Geld ihrer Kunden verwahren. Wie lässt sich diese Entwicklung erklären?

Hermann-Josef Tenhagen: Die Banken haben ihren Kontoservice nie kostenlos angeboten. Sie hatten immer ihre Margen für Dienstleistungen oder das Aufbewahren selbst. Das wurde aber nicht als Negativzins kassiert, sondern etwa über Kreditkartengebühren, Überweisungsgebühren oder Portogebühren. Negativzinsen an sich sind schwer zu vermitteln. Deshalb wurden in den letzten Jahren vor allem Gebühren erhöht.

ZEIT ONLINE: Eigentlich hieße das ja, Negativzinsen gab es schon immer?

Tenhagen: Wenn Sie auf einem Girokonto etwa 1.000 Euro haben und die Bank für dieses Konto pro Monat sieben Euro Grundgebühr verlangt, dann sind das 84 Euro im Jahr. Sie haben damit eine Negativverzinsung von rund acht Prozent. Nur natürlich versteckt. Das Wort Negativzins vor allem für die eigenen Kunden wird nach wie vor sehr gescheut, weil es ein Symbol ist.

ZEIT ONLINE: Gerade die Volksbanken und auch die Sparkassen entscheiden immer häufiger, selbst dieses Symbol abzuschaffen. Statt Negativzins verlangen sie Verwahrungsentgelt. Ist die Not so groß?

Tenhagen: Für das Image des Sparkassenverbandes ist das, wofür sich einzelne Sparkassen entschieden haben, ein großer Schaden. Dass die Banken aber in großer Not handeln, halte ich für stark übertrieben. 2015 hatte der Sparkassenverband im Ergebnis ein außerordentlich erfolgreiches Jahr und 2016 war das auch nicht so schlecht.

Wenn Banken die persönliche Komponente abschaffen, ist alles, was sie machen, abstraktes Abkassieren.
Hermann-Josef Tenhagen, "Finanztip"

ZEIT ONLINE: Warum zahlen wir eigentlich bereitwillig für jeden Service, wie zum Beispiel für ein Netflix-Abo, aber über Servicegebühren der Bank ärgern wir uns?

Tenhagen: Das Problem ist, dass Banken eigentlich die einzigen Dienstleister sind, die sich die Kunden vom Leib halten wollen. Erst kamen die Automaten, dann das Onlinebanking, am liebsten sollen wir alles selbst im Netz organisieren. Wenn Banken den persönlichen Kontakt abschaffen, ist alles, was sie dann noch tun, abstraktes Abkassieren. Wenn jemand Ihnen das Auto wäscht und dafür fünf Euro nimmt, dann zahlen Sie gerne. Wenn Sie fünf Euro zahlen müssen, weil Sie bei einer fremden Bank abheben, dann schimpfen Sie.

ZEIT ONLINE: Viele Banken müssen das teure Filialgeschäft aufrechterhalten und zugleich digital mit den Innovationen Schritt halten. Das verursacht hohe Kosten.

Tenhagen: Das stimmt schon, die Banken müssen das ihren Kunden aber deutlich besser erklären. Eine Bank könnte zum Beispiel ihren Kunden mitteilen: Entweder schließen wir die Filiale am Stadtrand und schmeißen 20 Leute raus oder wir erheben künftig einen Euro pro Monat Gebühr für Ihr Konto.

ZEIT ONLINE: Sie meinen also, die Gebühren sind schon okay, aber die Banken müssen das netter verpacken?

Tenhagen: Nein, ich sage: Die erste Aufgabe des Managements von Banken ist, die Kosten so gering wie möglich zu halten. Die zweite Aufgabe ist, so mit den Kunden zu kommunizieren, dass die schlauer werden und Dienstleistungen wirklich vergleichen können. Das ist ja oft nicht möglich. So könnten die Kunden mehr Geld in der Tasche haben. Aber dieser Gedanke hat bei Banken seit jeher kaum eine Rolle gespielt.  

ZEIT ONLINE: Die Niedrigzinsphase dauert an. Auch das setzt die Banken unter Druck.

Tenhagen: Der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken, Herr Fröhlich, sitzt in der Talkshow hart aber fair. Dort sagt er, sie würden abends über 100 Milliarden an Kundengeld zur Europäischen Zentralbank rüberschieben, weil sie nicht wissen, wohin damit. Das spricht doch nicht dafür, dass man sich Gedanken darüber gemacht hat, was man mit dem Kundengeld Vernünftiges machen könnte. Ich muss denen doch nicht mein Geld geben, damit sie es der EZB geben und dafür muss ich auch noch Strafzinsen zahlen.

Es gibt noch kostenlose Girokonten

ZEIT ONLINE: Doch, Sie müssen, als Kunde haben Sie ja keine Wahl. Wohin sonst mit dem Geld?

Tenhagen: Ja genau. Unter diesen Voraussetzungen gebe ich denen mein Geld nur noch, damit ich keinen eigenen Safe brauche. Selbst dort haben Banken aber bei den Gebühren draufgeschlagen, Schließfächer sind in letzter Zeit deutlich teurer geworden. Einige Banken haben dafür wiederum keine Haftpflichtversicherung. Sollte es ein Bankräuber in die Bank schaffen, dann haben Sie als Kunde das Problem.

ZEIT ONLINE: Also bleibt nur die Alternative Geld unter die Matratze?

Tenhagen: Bitte nicht. Dann müssen Sie ja auch noch selber aufpassen, dass bei Ihnen nicht eingebrochen wird. Eigentlich will ich das Geld ja auf der Bank als Notgroschen haben und den Rest will ich in etwas reinstecken, was Freude oder Rendite bringt.

ZEIT ONLINE: Wohin denn nun mit meinem Geld, das ich ständig brauche?

Tenhagen: Die Bank wechseln! Wir haben bei Finanztip nach wie vor drei Anbieter ausgemacht, die quasi kostenlose Girokonten anbieten: die Consorsbank, die DKB und Comdirect. Es gibt auch nach wie vor Festgeldkonten, die etwa einen Prozent Zinsen bringen. Selbst bei den Filialbanken gibt es zum Beispiel bei den Genossenschaftsbanken noch das ein oder andere gute Modell. Wenn man bei einer Genossenschaftsbank noch keine Anteile gekauft hat, dann wird es jetzt höchste Zeit.

ZEIT ONLINE: Für ein kostenloses Girokonto muss ich also zwangsläufig eine Internetbank nehmen. Gerade ältere Menschen scheuen sich davor. Was bleibt denen?

Tenhagen: Wenn Sie eine ältere Dame sind und bei Ihrer Hausbank bleiben wollen? Dann machen Sie einen charmanten Besuch bei Ihrem Banker und sagen dem: Hören Sie zu, ich bin nicht online und will trotzdem das preiswerteste Kontomodell haben. Der Banker soll Ihnen dann für Ihr spezifisches Nutzungsverhalten das günstigste Angebot errechnen. Dann landen Sie vielleicht statt bei 156 Euro Gebühren bei 90 Euro Gebühren im Jahr.

ZEIT ONLINE: Und der Rechnung des Bankers darf ich dann trauen?

Tenhagen: Natürlich sollten Sie sich das errechnete Optimalangebot schriftlich geben lassen. Dass sich jemand traut, auf eine Anfrage von Ihnen nach dem günstigsten Modell etwas Falsches vorzurechnen, dafür dürfte die Hürde ziemlich hoch sein.

ZEIT ONLINE: Und wenn mir das Angebot trotzdem zu teuer ist?

Tenhagen: Ältere Menschen könnten zur Not mit ihren Enkeln oder einem anderen Verwandten einen Deal schließen. Der Enkel verwaltet das kostenlose Onlinekonto für die Oma und bekommt dafür im Monat vier Euro Taschengeld mehr. Dann hat die Oma nur noch Gebühren von 48 Euro im Jahr.