ZEIT ONLINE: Aber was ist dann der Bitcoin: ein Spekulationsobjekt oder eine Alternative zum Euro?

Flaskämper: Der Bitcoin wird staatliche Währungen nie ersetzen, allein weil Staaten sich nie das Recht werden nehmen lassen, Währungen auszugeben. Geldpolitik ist Machtpolitik. Regierungen werden sicherlich noch einmal über ein Verbot von Kryptowährungen diskutieren, spätestens wenn ihre weltweite Marktkapitalisierung die magische Grenze von einer Billionen Dollar überschreitet. Zurzeit sind wir bei einer Marktkapitalisierung von etwa 370 Milliarden US-Dollar. Aber selbst bei einem staatlichen Verbot werden Bitcoins nie wieder verschwinden. Auch Gold war in der Geschichte schon oft verboten und jedes Verbot wurde früher oder später wieder aufgehoben. Gutes Geld lässt sich eben nicht wirksam verbieten.

ZEIT ONLINE: Sie nennen Bitcoins "digitales Gold mit Bezahloption". Aber in Deutschland zahlt doch niemand mit ihnen.

Deutschland tut sich mit Finanzinnovationen wie Kryptowährungen spätestens seit der Finanzkrise 2008 extrem schwer.

Flaskämper: Deutschland ist weltweit absolute Bitcoin-Diaspora. Es gibt hier wegen der starken Regulierung nicht einmal einen einzigen Geldautomaten oder die Möglichkeit, Bitcoins an Tankstellen zu kaufen. Unser Bitcoin-Marktplatz ist seit sechs Jahren der einzige, den es in Deutschland gibt. Das muss ja irgendeinen Grund haben. Ich denke, dass Deutschland sich mit Finanzinnovationen wie Kryptowährungen spätestens seit der Finanzkrise 2008 extrem schwertut. In Österreich kann ich an jeder Postfiliale Bitcoins kaufen oder in der Schweiz an jedem Fahrkartenautomaten der schweizerischen Bundesbahn.

ZEIT ONLINE: Wenn niemand mit Bitcoins in Deutschland zahlt, weil sie gerade viel zu wertvoll sind und man es technisch auch gar nicht kann: Warum gibt es dann überhaupt noch Bitcoins? Inzwischen ist es doch nur noch ein digitaler Herdentrieb.

Flaskämper: Warum gibt es Gold? Damit kann man ja praktisch auch nicht bezahlen. Mit Bitcoins kann man aber bezahlen, wenn man es möchte. Die weltweite Zahl der Akzeptanzstellen steigt täglich, aber weil es eben nur wenige Menschen gibt, die Bitcoins wegen der erwarteten Wertsteigerung zum Bezahlen verwenden möchten, steigt die Zahl vielleicht nicht in dem Maße, wie man es erwarten würde.

ZEIT ONLINE: Dass immer wieder Bitcoin-Börsen gehackt werden oder, wie im Fall von China, von der Regierung gar verboten werden, trägt nicht gerade zur Vertrauensbildung bei.

Flaskämper: Hackerangriffe wird es immer geben. Wie bei analogem Geld muss man auch auf seine Kryptowährungen gut aufpassen und sie am besten offline aufbewahren, zum Beispiel in einem sogenannten Paper-Wallet. Als Bitcoin-Handelsplattform loben wir mit unserem Bug-Bounty-Programm Prämien für Hacker aus, die uns auf Schwachstellen hinweisen. Und nur ein ganz geringer Teil der Bitcoins, die wir für unsere Kunden verwalten, liegt auf den Servern. Mehr als 98 Prozent sind offline gesichert.

ZEIT ONLINE: Bitcoins gelten als beliebte Währung für Kriminelle und Terroristen, selbst die Terrororganisation "Islamischer Staat" soll sie nutzen.

Flaskämper: Als Handelsplattform sehen wir natürlich nicht, was mit den Bitcoins am Ende gemacht wird. Aber wir bekommen jeden Tag Anfragen von Ermittlungsbehörden, von der Polizei bis zum Verfassungsschutz. Das Bitcoin-System mit seiner Blockchain-Technologie mag zwar erst einmal anonym sein. Aber sobald Personendaten hinzukommen, weil jemand damit zahlt oder Bitcoins auf einer Börse handelt, ist es mit der Anonymität vorbei. Dagegen ist Bargeld immer noch das anonymste Zahlungsmittel überhaupt und lädt zu Betrug ein. Die Blockchain bietet auch aus der Sicht der Ermittlungsbehörden eine Menge Ansätze für eine Verfolgung von Straftaten und ist eine Verbesserung gegenüber dem Bargeld.

ZEIT ONLINE: Wann haben Sie zuletzt mit Bitcoins gezahlt?

Flaskämper: Gar nicht, dafür sind sie mir inzwischen zu wertvoll. Vor ein paar Jahren haben mich Freunde im Bitcoin-Kiez in Berlin-Kreuzberg regelmäßig dazu genötigt, mit Bitcoins zu zahlen. Nach heutigem Gegenwert haben mich ein Burger und ein paar Bier mehr als 150.000 Euro gekostet. Das bereue ich heute noch.