Viele Schweizer müssen gerade einen Intensivkurs über ihr eigenes Währungssystem absolvieren. Denn an diesem Sonntag stellt eine Volksabstimmung den Eidgenossen keine ganz einfache Frage: Wer soll die Macht über unser Geld haben?

Eine Volksinitiative möchte das Vollgeld-System einführen. Vollgeld bedeutet im Grunde, dass nur noch die Zentralbank neues Geld schöpfen kann. Derzeit haben in der Schweiz – wie in anderen Ländern – auch Privatbanken diese Macht. Sie dürfen zwar kein Bargeld drucken, aber Kredite vergeben. Scheine und Münzen machen heutzutage nur einen kleinen Teil der zirkulierenden Geldmenge aus, in Europa etwa zehn Prozent. Der Großteil des Geldes liegt auf Konten, existiert also nur auf dem Papier. Gibt eine Bank einem Kunden einen Kredit, schöpft sie neues Geld, das auf dem Konto landet. Sie muss zwar eine sogenannte Mindestreserve für den Kredit bei der Zentralbank deponieren. Die ist allerdings verschwindend gering, in der Schweiz beträgt sie nur 2,5 Prozent der dem Kunden gutgeschriebenen Einlage. Bei der Europäischen Zentralbank liegt sie bei einem Prozent.

Im Vollgeld-System wäre das nicht mehr möglich. Banken müssten sich das Geld für Kredite komplett von der Zentralbank leihen, also selbst einen Kredit aufnehmen. Die multiple Geldschöpfung wäre damit Geschichte. Und die Kreditvergabe der Banken wäre durch die von der Zentralbank bestimmte Geldmenge begrenzt. Mit dem Vollgeld soll das Girogeld so sicher sein wie das Bargeld im Tresor. Die Vollgeld-Befürworter sind auch davon überzeugt, dass dies ein Ende überhitzter Kreditzyklen und Spekulationsblasen bedeuten würde.

Spekulationen nicht ausgeschlossen

Viele Experten sehen die Vollgeld-Idee aber kritisch. Vollgeld verlagere die Macht über das Geld nur vom privaten Sektor auf den Staat, kritisierte der langjährige Direktor des Max-Planck-Institutes zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern, Martin Hellwig. Der Ökonom stellte auf dem Bargeldsymposium der Deutschen Bundesbank die Frage, ob Zentralbank und Staat dieses Vertrauen verdient hätten.

Umstritten ist auch, inwieweit eine Umstellung auf Vollgeld eine Bankenpleite oder Staatskrise wirklich verhindern könnte. Denn auch in diesem System wäre es nicht ausgeschlossen, dass Banken sich verspekulieren. Steigende Häuserpreise würden weiterhin die Kreditvergabe ankurbeln. Banken hätten weiterhin die Möglichkeit, sich das Geld statt von der Nationalbank am Kapitalmarkt zu holen. "Die Idee vom Vollgeld klingt gut, sie geht aber an der Sache vorbei, wenn erreicht werden soll, das Finanzsystem insgesamt stabiler zu machen", sagt Professor Winkler.

Der Schweizer Ökonom Martin Brown warnte in einem Interview mit dem Handelsblatt sogar davor, dass die Vollgeldeinführung die Banken instabiler machen könne. Die Institute könnten zur Geldbeschaffung auf kurzfristige Anleihen setzen. Schaffen sie es nicht, diese zu refinanzieren, drohe die Pleite.