Vor dem Landgericht Bonn hat einer der beiden angeklagten ehemaligen Banker im Cum-Ex-Prozess ausgesagt. Zum System der Geschäfte sagte er: "Cum-Ex umfasste ein weites Netzwerk von Unternehmen, Personen und Körperschaften." Es sei darum gegangen, "eine maximale Profitoptimierung zu erzielen". Ein Werkzeug dazu sei die "Steueroptimierung" gewesen.

Das Ausmaß der Tätigkeiten zur Steuervermeidung habe einen "industriellen Charakter" angenommen, sagte er weiter. Und er nannte Namen beteiligter Institutionen: Unter Großbanken, die sich an den Steuergeschäften beteiligt hätten, sei die Deutsche Bank. Auch das Unternehmen Clearstream, eine Tocher der Deutschen Börse, habe eine wichtige Rolle für die Transaktionen gespielt.

Auf die Frage, ob er sich rückblickend anders verhalten würden, sagte der frühere Banker: "Mit meinem heutigen Kenntnisstand ist die Antwort eindeutig: Ich wäre nicht Teil der Cum-Ex-Industrie geworden." Zur Erklärung der komplexen Geschäfte nutzte der Angeklagte vor Gericht Schaubilder und Excel-Tabellen, die an die Wand des Gerichtssaals projiziert wurden.

447 Millionen Euro durch Steuertricks

Ein zweiter Angeklagter, ebenfalls ein britischer Investmentbanker, muss sich vor dem Gericht verantworten. Auch er werde aussagen. Unter anderem waren sie für die Hypovereinsbank tätig. Den beiden Männern wird vorgeworfen, den deutschen Staat zwischen 2006 und 2011 mit Cum-Ex-Geschäften um 447 Millionen Euro gebracht zu haben.

Die Staatsanwaltschaft sieht eine Beteiligung an 34 Fällen der besonders schweren Steuerhinterziehung. Den Angeklagten droht eine Freiheitsstrafe bis zu zehn Jahren. Wenn sie zur Aufklärung der komplexen Geschäfte beitragen und aussagen, könnte das ihr Strafmaß zu ihren Gunsten beeinflussen.

Die Cum-Ex-Geschäfte gelten als größter Steuerskandal in der Geschichte der Bundesrepublik. Steuerfahnder schätzen den Schaden, der durch derartige Geschäfte entstanden ist, auf mehr als zehn Milliarden Euro. Bei Cum-Ex-Geschäften lassen sich Anleger die einmal gezahlte Kapitalertragsteuer auf Aktiendividenden mithilfe von Banken mehrfach zurückerstatten. Dazu verschieben sie um den Stichtag der Dividendenzahlung herum untereinander Aktien mit und ohne Dividendenanspruch – also cum und ex, wie es auf Latein heißt. Bis 2012 war diese Praxis zulässig. 

Anfang September hat vor dem Bonner Landgericht der erste Strafprozess gegen zwei britische Wertpapierhändler begonnen.

Kurz erklärt - Wie der Cum-Ex-Steuerskandal abgelaufen ist Es ist der wohl größte Steuerskandal der deutschen Geschichte. Wie Banken und Anwälte Milliarden entwendeten, zeigen wir in diesem Video. © Foto: Kerstin Welther