Ärgern Sie sich über die niedrigen Zinsen? Dann machen Sie sich auf etwas gefasst. Denn der Zinsschwund ist womöglich nicht das Resultat der Politik durchgedrehter Notenbanker. Sondern das Ergebnis einer sich seit Jahrhunderten entfaltenden historischen Entwicklung.  

Darauf zumindest deuten die Forschungen von Paul Schmelzing hin, Ökonom an der Yale Universität und derzeit für die Bank von England tätig. Die Ergebnisse von Schmelzings Analysen sind jetzt in einem Arbeitspapier der britischen Notenbank veröffentlicht worden.

Schmelzing hat Informationen über Zinssätze seit dem Mittelalter zusammengetragen: Alte Kreditverträge, Rechnungsberichte, Aufzeichnungen aus Stadtarchiven. Schon im Spätmittelalter haben sich Kommunen demnach in Staaten wie Deutschland verschuldet – für Bauvorhaben, für die Abwehr von Hungersnöten und ähnlichen Katastrophen, oder für die Aufstellung von Truppen.

Aus diesen Angaben konstruierte Schmelzing nun einen Datensatz, der bis ins Jahr 1311 zurückreicht. Ergebnis: Kurzfristig schwanken die Zinsen wie viele andere ökonomische Größen, der langfristige Trend aber weist eindeutig nach unten.

Im Schnitt geht der um die Inflation bereinigte Realzins demnach jedes Jahr um etwa 0,6 bis 1,6 Basispunkte zurück. Der englische König Edward III. musste noch 35 Prozent Zinsen bezahlen, als er sich Anfang des 14. Jahrhundert beim Regenten der Provinz Flandern Geld zur Finanzierung seiner kriegerischen Aktivitäten lieh. Unter Edwards im 17. Jahrhundert regierendem Nachfolger Karl II. waren die Zinsen schon auf 16 Prozent gesunken. Im 19. Jahrhundert hielt sich der Vatikan mit einem Kredit bei den Rothschilds über Wasser. Zinssatz: 6 Prozent.

Soweit die Fakten. Über die Gründe für das Zinsminus stellt Schmelzing nur Vermutungen an. Womöglich hat der Rückgang etwas damit zu tun, dass die Welt insgesamt durch die Errichtung staatlicher Institutionen im Laufe der Jahrhunderte sicherer geworden ist. Das bedeutet aus Sicht eines Kreditgebers: Die Gefahr ist geringer, dass das verliehene Geld nicht mehr zurückbezahlt wird. Damit geht auch die Prämie zurück, die für einen möglichen Zahlungsausfall verlangt werden kann.