Das düstere Wort von der "Eurosklerose" ist wieder da. Beängstigend oft fiel der Begriff bei der ersten "European Business Leaders Convention" vergangene Woche in Helsinki. Rund 70 Unternehmer, Topmanager, Banker, Politiker, Wirtschafts- und Politikberater aus Europa und den USA diskutierten drei Tage lang über die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Wirtschaft und über die angespannten transatlantischen Beziehungen. Pessimistisch die Bestandsaufnahme: niedriges Wachstum, geringe Produktivität, hohe Arbeitslosigkeit, mangelnde Innovation. Verhalten optimistisch die Aussichten: wachsender Reformwille, vertiefte Integration, erweiterter Markt.

Verliert Europa wirtschaftlich den Anschluss? Wird es abgehängt von der Supermacht Amerika, die ihre alten Partner schon politisch und militärisch für zunehmend irrelevant hält? Die Wirtschaft der USA, lauteten die ersten Antworten, sei im vergangenen Jahr um 2,2 Prozent gestiegen, die Wirtschaft Europas nur um 0,8 Prozent. Die Produktivitätslücke öffne sich nach Jahren eines europäischen Aufholprozesses wieder zugunsten der USA. Dort liege die Beschäftigungsrate bei 75 Prozent, in Europa erreiche sie gerade 63 Prozent. Vielleicht gehe die Krise aber noch nicht tief genug, um Reformen zu erzwingen. "Wir brauchen keine weiteren Studien und Untersuchungen", sagte ein finnischer Konzernchef, "was wir brauchen, ist politisches Handeln."

Deutschland bleibt das Sorgenkind seiner europäischen Nachbarn. Schließlich hängt vom Zustand der größten Volkswirtschaft das Wohlergehen des ganzen Kontinents ab. Ach, Deutschland!, lautet seit langem der Klageruf auf internationalen Konferenzen. Wirst Du Europas Japan?

Und Klage wurde auch in Helsinki geführt. Über die hohen Löhne und die kurze Arbeitszeit. Über den rückläufigen Anteil Deutschlands am Welthandel (1992 noch 12,5 Prozent, heute abgesackt auf 9,8 Prozent). Über die hohe Zahl der Langzeitarbeitslosen (fast die Hälfte aller Arbeitslosen, verglichen mit nur 6 Prozent in den USA). Über die rasant wachsende Schattenwirtschaft (geschätzte 16,5 Prozent des BSP). Über die hohe Staatsquote (48 Prozent; in den USA nur 35 Prozent). Und natürlich über den alarmierenden demographischen Trend: eine der am schnellsten alternden Bevölkerungen Europas.

Aber siehe da: Es gibt Hoffnung, verkündete ein deutscher Unternehmensberater. Kanzler Schröders Agenda 2010 markiere einen "Paradigmenwechsel": Nicht mehr der Staat ist für alles zuständig, Du Bürger selbst bist verantwortlich für Deine Zukunft! In sechzehn langen Kohl-Jahren sei der Spitzensteuersatz gerade einmal von 56 Prozent auf 53 Prozent abgesenkt worden; nach sechs Jahren Schröder falle er nun von 53 Prozent auf 42 Prozent. Und die Körperschaftssteuer sinke von 52 auf 37 Prozent. "Die Dinge ändern sich. Nur, ändern sie sich schnell genug?" Anders gefragt: Ist Amerikas Vorsprung einholbar?

Aber sind denn die Vereinigten Staaten, kam plötzlich der ketzerische Einwurf, wirklich das Maß aller Dinge? "Wollen wir Europa als schlichte Kopie", fragte ein französischer Manager? Eine Frage, die auch die anwesenden Amerikaner - von der Überlegenheit des eigenen Systems felsenfest überzeugt - nicht unberechtigt fanden. "Wohin sollen die Produktivitätsgewinne wandern", fragte ein New Yorker Banker? "In mehr Urlaub oder in mehr materiellen Wohlstand? In einer liberalen Wirtschaftsordnung sollte das eine freie Wahl sein."

Das reiche, konservative, alternde Europa, wird es die Kraft zur Reform finden? Wird es noch mithalten können in der künftigen Wissensgesellschaft , in die Amerika ihm vorausgeeilt ist, und in die heute schon das Wachstumswunderland China mit Riesenschritten strebt? Oder wird sich Europa bequem in seinem Wohlstand einrichten, wird es allmählich zum Museum, in dem die reichen Amerikaner und Asiaten von morgen die Errungenschaften des vergangenen Jahrtausends bestaunen? Wenn sich darüber nicht trefflich streiten lässt!