"Die Geschichte des Hauses Bertelsmann setzt sich nicht zusammen aus Umsatzzahlen oder äußerem Erleben und Geschehen, sie ist die Geschichte der Menschen, die diese Firma und ihre Arbeit getragen haben." Reinhard Mohn hat das einmal gesagt, und für ihn selbst gilt es mehr als für jeden anderen in diesem Unternehmen. Denn er war es, der mit Willen, Talent, Führungskraft und Härte aus einer kleinen Druckerei und einem kleinen Buchverlag, die er im Winter 1946/1947 in Gütersloh von seinem Vater übernahm, einen Medienkonzern erschaffen hat. Am vergangenen Samstag ist er im Alter von 88 Jahren gestorben.

Wenn jemand wie Reinhard Mohn stirbt, der sich schon lange aus dem öffentlichen Leben zurückgezogen hat, dann ist das Bild, das viele Menschen von ihm haben, schon leicht verblasst. Es ist nach und nach unscharf geworden und gehört zu den Erinnerungs-Sedimenten vergangener Jahrzehnte. So auch bei Reinhard Mohn.

Viele nahmen ihn zuletzt als würdigen, alten Herrn wahr, der zumeist alleine auf seinem Gut in Steinhagen lebte, gerne Rad fuhr und ausgedehnte Spaziergängen machte, der mittags in der Kantine aß, sofern es sein Zeitplan und seine Gesundheit zuließen. Sein Platz war reserviert. Immer. Von 13 Uhr an.

So schlicht, so alltäglich schien sein Leben, dass es manchem Beobachter kaum vorstellbar gewesen sein wird, einen der größten deutschen Unternehmer vor sich zu haben. Doch es war so. Männer wie Mohn hat es in der jüngeren Geschichte wenige gegeben. Seine Leistung lässt sich mit der von Robert Bosch und Werner von Siemens vergleichen, die rund hundert Jahre früher wirkten. Während diese Ikonen der Industrialisierung wurden, ist der Aufstieg von Reinhard Mohn eng mit dem Beginn des massenmedialen Zeitalter verbunden; Bertelsmann ist geradezu ein Sinnbild für die wachsende Bedeutung von Unterhaltung, Information und Bildung in unserem Alltag.

Mohn wusste diese Entwicklung unternehmerisch für sich zu nutzen wie kein zweiter in Deutschland. In seiner Zeit als Vorstandschef stieg der Umsatz von einer Million Mark 1948 auf schließlich sechs Milliarden Mark 1981. Bertelsmann hatte nach diese Zeitspanne nicht mehr nur 150 Mitarbeiter wie noch kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, sondern 29.000. Heute sind es rund 100.000. Damit ist Mohn letztlich erfolgreicher gewesen als viele Gründer der Nachkriegszeit, selbst erfolgreicher als Max Grundig und Josef Neckermann.

Warum das vergleichsweise wenige erinnern? Den Vorstandsvorsitz bei Bertelsmann gab Mohn vor inzwischen 28 Jahren ab, als Chef des Aufsichtsrats zog er sich zehn Jahre später zurück und suchte danach vor allem die Öffentlichkeit, wenn er sich in gesellschaftspolitische Debatten einmischte. Er tat dies zuvörderst mit Büchern wie Menschlichkeit gewinnt und Die gesellschaftliche Verantwortung des Unternehmers, in denen er darlegte, was er über das Wesen der Menschen, den Kapitalismus und ideale Unternehmensführung dachte. So wuchs er in die Rolle eines Sozialingenieurs hinein, eines Menschen, der lange mit unerschütterlichem Optimismus daran glaubte, sein Unternehmen, aber auch die ganze Gesellschaft mit seinen Ideen beeinflussen und formen zu können.

Freiheit war für ihn ein zentraler Begriff, und er ließ sie seinen Managern. Mohn wollte "lieber Fehler riskieren, als Initiative verhindern", wie er sagte. "Ein Unternehmer ist kein Unternehmer, sondern ein Verwalter, wenn er nicht den Mut hat, Fehler zu machen." Mohn meinte das ernst, und so zog er hochbegabte Manager wie Mark Wössner, Thomas Middelhoff, Rolf Schmidt-Holtz und Gerd Schulte-Hillen an, die das Unternehmen gemeinsam mit Mohn und für Mohn weiter voranbrachten, als er es allein je hätte tun können. Zusammen machten sie aus dem deutschen einen globalen Medienkonzern.