Die marode Immobilienbank Hypo Real Estate gehört nun komplett dem Bund. Ein Jahr nach der spektakulären Rettung der Bank vor der Pleite setzte der Bund mit seiner Mehrheit von 90 Prozent durch, die noch verbleibenden Kleinaktionäre gegen eine Zwangsabfindung aus dem Unternehmen zu drängen. Die wütenden Proteste der HRE-Anleger auf der Hauptversammlung am Montag konnten daran nichts ändern. Am späten Abend stimmten 94,7 Prozent des anwesenden Kapitals für diesen sogenannten Squeeze-Out. Die Kleinaktionäre sollen je Anteilsschein eine Abfindung von 1,30 Euro kriegen.

Der Bund erhofft sich, die Bank als alleiniger Besitzer besser sanieren zu können. Er hatte den einstigen Dax-Konzern vor einem Jahr mithilfe von einigen Banken vor dem Aus gerettet, der staatliche Rettungsfonds Soffin hielt deshalb bereits 90 Prozent der HRE-Aktien. Nach der Übertragung der restlichen Aktien will der Bund den Konzern von der Börse nehmen. Hannes Rehm, der Soffin-Chef, hatte aber bereits angekündigt, die HRE mittelfristig in den Markt zurückführen zu wollen.

Auf der Hauptversammlung stemmten sich die verbliebenen Aktionäre gegen die Entscheidung. Mit zahlreichen Wortmeldungen und Zwischenrufen zögerten sie eine Entscheidung hinaus. "Es ist ein Skandal, dass ein demokratischer Staat wie ein Raubritter auftritt", rief ein Aktionär. Andere sprachen von "staatlicher Willkür", "Verschwörung", "Diebstahl" und "Schande". Aktionärsschützer beurteilten die Entschädigung als viel zu gering und kündigten eine Überprüfung vor einem Gericht an "Wir empfinden das als eine kalte Enteignung", beklagte Daniela Bergdolt von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW).

Zwischenzeitlich kam es zu Tumulten. Aufsichtsratschef Bernd Thiemann musste die Versammlung unterbrechen, nachdem ein Kleinaktionär sich geweigert hatte, das Rednerpult zu verlassen. Eine Traube wütender Anteilseigner skandierte daraufhin "Thiemann raus". Thiemann verwies den renitenten Redner vorübergehend des Saales. Eine andere Gruppe von etwa 50 aufgebrachten Aktionären versammelte sich außerdem vor dem Podium und forderte Soffin-Chef Hannes Rehm lautstark dazu auf, ans Rednerpult zu gehen. Als die verärgerten HRE-Eigner wenig später auf den im Publikum sitzenden Rehm zumarschierten, verließ dieser fluchtartig den Saal.

Vorstandschef Axel Wieandt verwies auf die prekäre Lage der HRE. "Wir sind uns selbstverständlich der Tatsache bewusst, dass viele von Ihnen es vorziehen würden, wenn sie Aktionäre der Gesellschaft bleiben könnten", sagte er den Teilhabern. Zu der vollständigen Verstaatlichung gebe es aber keine Alternative.

Die DSW hält die Abfindung für unangemessen niedrig, Anlegerschützerin Bergdolt sprach von "Almosen". Sie hatte mehrfach an den Bund appelliert, nach dem Vorbild der Commerzbank auf das Herausdrängen der Aktionäre zu verzichten, damit diese nach herben Kursverlusten mit den einstigen Dax-Aktien von einer künftigen Sanierung der HRE profitieren können. Der Bund hatte das aber abgelehnt und will die Restrukturierung allein stemmen.

Mit ihrer rund sechsjährigen Geschichte ist die HRE in der deutschen Finanzbranche ein vergleichsweise junges Unternehmen – und zu Beginn auch ein sehr erfolgreiches. Im Oktober 2003 ging die HRE an die Börse und schaffte unter der Leitung des damaligen Chefs Georg Funke zwei Jahre später den Sprung in den Dax.

2007 machte Konzernchef Georg Funke das große Geschäft: Für mehr als fünf Milliarden Euro übernahm die HRE den Staatsfinanzierer Depfa, was ihr ein Jahr später zum Verhängnis wurde. Die Depfa konnte langfristig vergebene Kredite infolge der Finanzkrise nicht mehr kurzfristig refinanzieren und brachte die Mutter HRE an den Rand des Ruins.

Vor einem Jahr stand die Bank kurz vor dem Kollaps und musste in einer dramatischen Aktion vom Bund und anderen Banken aufgefangen werden. Eine Pleite des Konzerns hätte damals aus Sicht der Bundesregierung katastrophale Folgen für den Finanzplatz Deutschland gehabt. Inzwischen hat die HRE Kapitalhilfen und Staatsgarantien von mehr als 100 Milliarden Euro erhalten, um nicht zu kollabieren. Sie soll Vermögenswerte von gut 200 Milliarden Euro in eine sogenannte Bad Bank verschieben und dort langsam abbauen. Die Kerngeschäftsfelder Immobilien- und Staatsfinanzierung wurden in der neuen Deutschen Pfandbriefbank gebündelt.

Heftig umstritten ist auch die Frage, ob und wie die gebeutelten Aktionäre an der HRE beteiligt werden sollen, falls sie nach dem Umbau wieder an die Börse kommt. Wieandt verwies auf den Rettungsfonds Soffin, der zuständig sei. Er sei sich aber sicher, dass die Ex-Eigner vom Soffin bei einer Reprivatisierung "fair" behandelt würden.

Eher beiläufig erwähnte Wieandt auf der Hauptversammlung, dass die HRE künftig unter dem Namen pbb Deutsche Pfandbriefbank firmieren werde. Bereits in diesen Tagen solle das neue Logo auf der internationalen Immobilienmesse Expo Real in München zum Einsatz kommen, wo die Bank um neue Kunden werben will. Kosten des neuen Markenauftritts: 200.000 Euro.