Das Wasser läuft  den ganzen Tag. Reuben Kioi steht am Tor zu seinem Grundstück auf dem kenianischen Land, das von mannshoch wuchernden Pflanzen umrahmt wird. Eine rotstaubige Piste führt zum Tor. Hinter dem Zaun stehen Häuser – keine Hütten. Kioi ist reich geworden, weil er die Eier seiner Hühner ans Hilton-Hotel in Nairobi verkaufen kann. Doch im Moment ist davon wenig zu spüren: Derzeit schlägt Kioi sich mit dem Verkauf von Wasser durch. Er zeigt einen aufgebockten Tank, aus dem das Nass in blaue Fässer fließt. Esel werden sie später auf Karren ins Dorf ziehen, damit der Bauer den Inhalt zu Geld machen kann.

Kiois Eier sind gerade nicht besonders gefragt. Früher, als die Weltwirtschaft wuchs, kamen Touristen in die kenianische Hauptstadt und Geschäftsleute trafen sich im Wirtschaftszentrum Ostafrikas. Damals brauchte das Hilton viele Frühstückseier, Kioi hielt dreitausend Hühner. Im Moment sind es nur eintausend. Die Hühnerställe, hinter rostigen Wellblechverschlägen auf seinem Grundstück untergebracht, stehen größtenteils leer.

So gehe es nicht weiter, sagt Kioi. Er presst die Lippen zu einem Strich, dann sagt er: "Kenia braucht Besucher." Von ihnen sind er und seine Familie abhängig, wie viele andere, die durch die Gäste wohlhabend wurden.

Siebzig Millionen Menschen ernährt der Tourismus in Entwicklungsländern. An jedem Hotelbett hängen durchschnittlich zwei Arbeitsplätze, vom Zimmermädchen bis zum Zulieferer. Viele Länder setzen große Hoffnungen auf die ausländischen Gäste, die Geld ins Land bringen und damit Arbeitsplätze schaffen sollen. 

Kenia war eines der beliebtesten Afrika-Ziele für Europäer. Doch in den vergangenen Jahren blieben die Gäste aus. Die blutigen Unruhen Anfang 2008 verschreckten viele Besucher: Die Zahl der Kenia-Reisenden sank um die Hälfte. Dann kam die weltweite Wirtschaftskrise. Im laufenden Jahr ist die Zahl der Gäste zwar wieder gestiegen, doch sie bleibt immer noch deutlich unter dem Niveau von 2007. Das Hilton-Hotel in Nairobi erwartet 2009 etwa 78.000 Gäste. Vor zwei Jahren waren es noch 105.000 gewesen.

Leute wie Kioi spüren das. Zwar geht es ihm immer noch gut: Er hat Geld, um in seinen Betrieb zu investieren. Bald, sagt er, werden die Hühnerställe neu gebaut. "Das ist einfacher, wenn keine Tiere da sind." Die fünfzehn Kühe, die er nebenbei hält, sind wohlgenährt. Zwischen den Hühnerställen weiden sie auf gelbem Gras. "Alle so dick wie die in Europa", sagt Kioi stolz. Nicht so mager, dass die Rippen durchs Fell zu sehen sind, wie beim Vieh der Nomaden. Kuhmilch und Fleisch bringen dem Bauern ein paar Kenia-Shilling zusätzlich ein.

Im Dorf ist Kioi der mit der größten Hühnerschar, dem blauen Pickup, der Wasserpumpe, den Angestellten. Er hält Hunde und beschäftigt zwei bewaffnete Wachleute, die jede Nacht vor seinem Grundstück postiert sind. Hier kann man Reichtum an den Sicherheitsvorkehrungen messen. Großfarmer gibt es sonst kaum, in Ostafrika ist eher Subsistenzwirtschaft üblich.

Doch der Mais verkümmerte in diesem Jahr – und das Hilton bestellt zu wenig Eier. Sie sind die Grundlage von Kiois Wohlstand. Mit dem Aufstieg Nairobis zum Torismus- und Geschäftszentrum war auch seine Farm gewachsen. Doch "letztes Jahr war schwierig, dieses Jahr ist schwierig geblieben", kommentiert Kioi.

Würde er seine verbliebenen Hühner auf dem Markt in der nächsten Kleinstadt östlich von Nairobi verkaufen, bekäme er zwischen 300 und 500 Kenia-Shilling pro Tier, knapp drei bis fünf Euro. Ein Ei brächte ihm zehn Kenia-Shilling ein, umgerechnet gut zehn Cent. Wie viel das Hilton-Hotel ihm zahlt, verrät er nicht.

Wie Kioi hängt das ganze Land vom Tourismus ab. Selbst wenn die Gäste wiederkommen: Ob durch sie eine langfristige wirtschaftliche Entwicklung in Gang kommen könnte, ist fraglich. Das Hilton und viele andere Hotels gehören zu ausländischen Konzernen. Sie investieren die größten Gewinne nicht in Kenia, sondern anderswo. Aber, sagt Reuben Kioi, es könnte alles noch viel schlechter sein. Immerhin hat er Wasser, und eine Pumpe, um es zu fördern. Das Wasser fließt immer noch.