Zumindest das Schlimmste ersparte Fritz Henderson der Kanzlerin. Der Chef von General Motors (GM) wartete am gestrigen Dienstagabend, bis Angela Merkel in Washington auf dem Weg zum Flieger zurück nach Berlin war, um seine Botschaft zu verkünden: GM wird seine europäische Tochter Opel behalten und in Eigenregie sanieren. Für Merkel bedeutet das eine schwere politische Niederlage.

Monatelang hatte sich die Kanzlerin für einen Verkauf von Opel an das Konsortium um den austrokanadischen Zulieferer Magna International starkgemacht – einen Deal, den GM nun kurzerhand platzen lässt. Ein paar Stunden früher, und Merkel hätte gleich in Washington ihr Scheitern eingestehen müssen. So konnte sie in der Nacht ihren Sprecher das Bedauern der deutschen Regierung ausrichten lassen und selbst schweigen.

Es ist die vorerst letzte Wendung im Übernahmekampf um Opel, und sie sorgt in Berlin für heftige Irritationen. Hatte man sich nicht mit GM auf Magna als Käufer für Opel geeinigt, und hatte nicht der GM-Verwaltungsrat eben jenen Verkauf erst im September gebilligt? 1,5 Milliarden Euro Überbrückungskredit hatte der deutsche Staat bereitgestellt, damit sich die Adam Opel GmbH aus dem GM-Verbund lösen konnte. Drei weitere Milliarden sollten als Bürgschaft für den neuen Käufer Magna hinzukommen. Auch die Arbeitnehmer hatten zugesichert, auf jährlich 265 Millionen Euro verzichten zu wollen, um dem Verkauf den Weg zu ebnen. Das Geschäft schien fast in trockenen Tüchern.

Jetzt aber, nach Monaten zäher Verhandlungen und Bemühungen, ist Opel aus Sicht der Deutschen wieder dort, wo das Unternehmen Anfang des Jahres stand. Die verhassten GM-Manager haben weiter das Sagen, wieder steht die Schließung mehrerer Opel-Werke in Deutschland im Raum. Opel-Betriebsratschef Klaus Franz spricht von einem "schwarzen Tag für Opel". Als "völlig unakzeptabel" bezeichnet der neue Wirtschaftsminister und FDP-Politiker Rainer Brüderle das Verhalten der amerikanischen Manager.

Im Verwaltungsrat von GM sieht man die Dinge freilich etwas anders. Einige Mitglieder des Gremiums hätten sich gefragt, warum die Regierung und die Gewerkschaften in Deutschland derart stur auf Magna als Käufer beharrten, berichtet das Wall Street Journal. Zugleich ärgerte man sich darüber, dass man dem deutschen Staat überhaupt einen derart großen Einfluss im Übernahmekampf von Opel eingeräumt hatte. Den europäischen Markt weitgehend zu verlassen, der russischen Autoindustrie einen Technologievorsprung zu bescheren, und das alles ohne Gegenleistung – das war für viele Manager von vornherein nur eine Notlösung. Als GM-Chef Fritz Henderson den Verkauf an Magna im September durchsetzte, lag die Rettung von GM durch den amerikanischen Staat noch nicht allzu lange zurück. Damals war der Autokonzern in einer schwachen Position.

Nun aber, wenige Monate später, ist das Selbstbewusstsein der Amerikaner wieder gestärkt. Lediglich 40 Tage brauchte General Motors Mitte des Jahres, um aus der Insolvenz zurückzukehren. Im Oktober verkaufte GM im heimischen US-Markt erstmals seit 21 Monaten rund fünf Prozent mehr Autos als im Vorjahresmonat. Auch die Absätze am europäischen Automarkt erholten sich dank staatlicher Abwrackprämien zuletzt ein wenig. Das alles weckt offenbar in Detroit die Hoffnung, GM als global agierendes Autounternehmen aus eigener Kraft erfolgreich neu auszurichten zu können. Dazu kann man den ungestörten Zugriff auf das im Rüsselsheimer Opel-Entwicklungscenter gebündelte Know-how für sparsame Kompaktautos gut gebrauchen. Diese Technologie ist schließlich auch die Basis für GM-Fahrzeuge, die in China, Südamerika oder anderen Wachstumsmärkten den Konzern wieder nach vorne bringen sollen.