Europas größter Autohersteller steht vor weitreichenden Veränderungen: Auf seiner Sitzung am Donnerstagabend in Wolfsburg stimmte der Aufsichtsrat von Volkswagen (VW) der Übernahme des Sportwagenbauers Porsche zu. Die sogenannten Durchführungsverträge der im August vereinbarten Grundlagenvereinbarung – darin festgelegt sind organisatorische, strukturelle und rechtliche Details der Zusammenführung beider Unternehmen – fanden ein positives Votum.

Am Freitag befasste sich auch der Porsche-Aufsichtsrat mit den Verträgen und stimmte diesen dann verbindlichen Regelungen zu. Im Folgenden sollen die neuen Porsche-Eigner die Verträge im Laufe des Tages in Wolfsburg unterzeichnen.

Mit Absegnung der VW-Porsche-Ehe rücken VW-Chef Martin Winterkorn und Finanzchef Hans Dieter Pötsch an die Spitze der Porsche-Holding, um dort die Funktionen der entlassenen Manager Wendelin Wiedeking und Holger Härter zu übernehmen. Volkswagen hatte sich im Sommer nach fast vierjährigem Machtkampf mit Porsche im Grundsatz darauf verständigt, den hoch verschuldeten Sportwagenbauer als zehnte Marke einzugliedern. Die komplizierten gesellschaftsrechtlichen Schritte dahin mussten erst von den Juristen ausformuliert werden.

Volkswagen will in einem ersten Schritt knapp die Hälfte des Porsche-Sportwagengeschäfts übernehmen und sich auf einer außerordentlichen Hauptversammlung Anfang Dezember von seinen Aktionären die Genehmigung für die Ausgabe von bis zu 135 Millionen Vorzugsaktien holen, um die Transaktion zu finanzieren. Bis 2011 sollen beide Unternehmen zu einem gemeinsamen Konzern mit rund 380.000 Beschäftigten verschmelzen.

Auch Hunderte Mitarbeiter des Automobil- und Karosseriebauers Karmann in Osnabrück werden Teil eines erstarkten VW-Konzerns. Am Freitag stimmte der VW-Aufsichtsrat auch hier den Plänen des vorstands zu. Demnach übernimmt Volkswagen Teile des Osnabrücker Autozulieferers. Damit stellt Europas größter Autobauer eine Automobilfertigung am Karmann-Standort sicher.

Innerhalb der kommenden Wochen soll eine neue Volkswagen-Tochtergesellschaft gegründet werden. Sie soll ab 2011 eine Fahrzeugproduktion aufnehmen. Bis 2014 sollen mehr als 1000 Arbeitsplätze aufgebaut werden. VW erwirbt von Karmann Maschinen, Anlagen und Grundstücke.

Arbeitnehmervertreter zeigten sich zufrieden mit der Einigung. "Es waren sehr harte Verhandlungen, in denen wir aber letztlich einen Teilerfolg, mit Licht und Schatten, erzielen konnten", sagte IG Metall-Bezirkschef Hartmut Meine. "Osnabrück bleibt dank des Engagements von Volkswagen Automobilstandort und bietet Beschäftigungsperspektiven für die Menschen in der Region."

Über den Preis für die Unternehmensanteile mache VW keine Angaben. Medienberichten zufolge wollte Volkswagen für Teile von Karmann rund 35 Millionen Euro zahlen, während die Gesellschafter rund 60 Millionen Euro forderten.

Eine wichtige Rolle bei den Verhandlungen dürfte Niedersachsens Ministerpräsident und VW-Aufsichtsratsmitglied Christian Wulff (CDU) gespielt haben. Wulff stammt aus Osnabrück und hat ein besonderes Interesse daran, dass in seinem Wahlkreise so viele Arbeitsplätze wie möglich erhalten bleiben.

Allerdings ist noch offen, inwiefern die bisherigen und ehemaligen Beschäftigten von Karmann von einem VW-Einstieg profitieren könnten. Die Karmänner müssen sich wohl auf jeden Fall neu bewerben. "Jeder, der in Osnabrück bei Karmann arbeitet, schon seine Kündigung in der Tasche hat oder bereits in einer Transfergesellschaft ist, ist erstmal gleich weit von einem Arbeitsplatz entfernt wie der Frisör von nebenan", sagte der Osnabrücker IG-Metall-Chef Hartmut Riemann. Derzeit sind bei Karmann noch gut 900 Menschen beschäftigt, die nicht bereits die Kündigung erhalten haben.

Nichtsdestotrotz ist die Beteiligung der Wolfsburger ein bedeutender Schritt nach vorne für den insolventen Autozulieferer. Die Osnabrücker waren wegen der schweren Autokrise in Turbulenzen geraten und mussten im April dieses Jahres Insolvenz anmelden. VW gehörte früher zu den größten Kunden von Karmann.