Erwin Müller ist egal, was andere von ihm halten. Der Schwabe gefällt sich als Rebell. Das war bereits 1967 so, als der heutige Chef der gleichnamigen Drogeriekette in Ulm den sogenannten Figaro-Streit entfachte. Der gelernte Frisör Müller war damals der Erste, der es in seiner Heimatstadt wagte, seinen Kunden auch montags die Haare zu schneiden. Als er das trotz offizieller Aufforderung nicht lassen wollte, warf die Innung ihn raus. Heute ist die Episode Bestandteil der offiziellen Firmenchronik von Müllers Unternehmen – und Erwin Müller arbeitet schon längst nicht mehr als Frisör.

Gut 40 Jahre später steht der Chef von mittlerweile 23.000 Mitarbeitern erneut in der Kritik: Wegen des rechtswidrigen Umgangs mit Krankendaten verdonnern die Datenschützer des Stuttgarter Innenministeriums Müller in der vergangenen Woche zur höchsten Buße, die sie je verhängt haben. 137.500 Euro muss das Unternehmen zahlen, weil verantwortliche Mitarbeiter erkrankte Angestellte, sobald sie wieder gesund am Arbeitsplatz erschienen waren, nach dem Grund ihrer Krankschreibung befragten. Das sei nicht erlaubt, sagt die Behörde, es sei denn, es bestehe ein Ansteckungsrisiko.

Nahezu 20.000 Beschäftigte wurden bei Müller von 2006 bis 2009 zu "Krankenrückkehrgesprächen" gebeten. Was besprochen wurde, stand in manchen Fällen – ebenfalls rechtswidrigerweise – hinterher in der Personalakte. Bis April 2009 wurden so 24.000 Datensätze in den Akten des Drogeriekonzerns gespeichert. Dann berichteten Medien über die Praxis des Konzerns, Müller stoppte das Verfahren und setzte einen Datenschutzbeauftragten ein.

Heute versichert das Unternehmen, die zu Unrecht gespeicherten Daten löschen zu wollen. Dennoch: "Für uns ist das ein schwerer Fall", sagt der Leiter der Stuttgarter Datenschutzaufsichtsbehörde, Günter Schedler. Zwar sei es grundsätzlich zulässig, dass Arbeitgeber nach einer Krankheit mit dem Mitarbeiter sprechen, doch nach dem Grund der Erkrankung dürfe nur gefragt werden, wenn der Arbeitgeber diesen unbedingt wissen müsse. Diesen auch noch in der Personalakte festzuhalten, sei bei Müller in keinem Fall erforderlich gewesen.

Müller will sich zum Urteil der Behörde nicht äußern. "Kein Kommentar", heißt es in der Ulmer Konzernzentrale, wenn man um eine Stellungnahme bittet. Alles, was er zu dem Fall mitzuteilen hat, ließ der Patriarch die Öffentlichkeit schon im vergangenen April wissen: "Das Krankenrückkehrgespräch soll den Arbeitgeber in die Lage versetzen, etwaige betriebliche Ursachen für gesundheitliche Beeinträchtigungen zu erkennen und erforderlichenfalls abzustellen", schrieb er in einer Pressemitteilung, als die Vorwürfe durch Berichte von Medien, denen sogar ausgefüllte Fragebögen vorlagen, ans Licht kamen. "Müller kommt damit seiner Fürsorgepflicht aus dem Arbeitsverhältnis nach", so Müller weiter.

"Erwin Müller ist kein moderner Unternehmer", sagt ver.di-Sprecher Bernhard Franke. "Eher ein Patriarch alter Schule, der glaubt, für seine Leute nur das Beste zu wollen." Zu den Bösen der Einzelhandelsbranche gehöre der Milliardär aber trotz des fragwürdigen Umgangs mit Mitarbeiterdaten nicht, anders als etwa Marktführer Anton Schlecker.

"Wir gehen nicht davon aus, dass die Verstöße vorsätzlich passiert sind", sagt auch Datenschützer Schedler. Unter den Firmen spreche sich eben nur langsam herum, dass sie es bei Mitarbeiterdaten mit sehr sensiblem Material zu tun hätten. Verglichen mit anderen Fällen, etwa den Überwachungsskandalen bei der Bahn, bei der Telekom oder beim Discounter Lidl, scheint Müllers Vergehen tatsächlich harmlos. Lidl zahlte dafür, dass Angestellte per Video überwacht worden waren, knapp 1,5 Millionen Euro Bußgeld. Dagegen wirkt die Strafe, die Müller begleichen muss, beinahe läppisch.