Ein "Streik der Millionäre" wurde der Aufstand der Lufthansa-Piloten von verärgerten Passagieren genannt. Die Gründe sind nachvollziehbar: Flugkapitäne verdienen in Deutschland durchschnittlich etwa dreimal so viel wie Krankenpfleger, mehr als doppelt so viel wie Krankenhausärzte, weit mehr als Richter, Lehrer oder Feuerwehrmänner. Mit der entsprechenden Berufserfahrung erreichen die Piloten ein Gehalt von bis zu 250.000 Euro im Jahr, Anfänger beginnen mit rund 60.000 Euro jährlich. Ein Einkommen, von dem die meisten deutschen Arbeitnehmer nur träumen können.

Ist das zu viel für jemanden, der die Verantwortung trägt für die Sicherheit Dutzender oder Hunderter Passagiere? Die Öffentlichkeit jedenfalls war im Streik nicht auf der Seite der Piloten. Sie sah sie in erster Linie als Besserverdiener, die in der Krise ihre Privilegien verteidigten.

Doch die "Millionäre" sorgen sich um ihre Jobs. Der Pilotenvereinigung Cockpit geht es vor allem darum, die – vergleichsweise teuren – Arbeitsplätze der deutschen Flugkapitäne gegen die ausländische Konkurrenz zu erhalten. Zwar bot die Lufthansa der Gewerkschaft am Wochenende eine Arbeitsplatzgarantie für die kommenden Jahre an, doch aus Furcht vor einem Jobabbau durch die Hintertür mochten sich die Arbeitskämpfer nicht darauf einlassen. Sie wollten verhindern, dass ihr Unternehmen künftig mehr und mehr Flüge an ausländische Tochtergesellschaften wie die Lufthansa Italia vergibt. Für diese gelten aber nicht die deutschen Tarifverträge. Die gut bezahlten deutschen Cockpitbesatzungen würden nach und nach ausgebootet.

Ihre Taktik ist nicht aufgegangen, das hat das Frankfurter Arbeitsgericht am Montagabend durch sanften Druck erreicht. Nun sollen die Tarifpartner in den kommenden Wochen ausschließlich über die Entlohnung und die Arbeitsbedingungen der deutschen Piloten sprechen. Und nicht darüber, wie die Kollegen der Lufthansa Italia zu bezahlen seien und ob die Lufthansa die italienischen Flugkapitäne beliebig einsetzen kann.

Vorbei ist der komplizierte Tarifkonflikt damit aber noch lange nicht. Cockpit hat bereits angekündigt, die interne Billigkonkurrenz auch künftig nicht völlig aus den Verhandlungen auszuklammern. Doch der Abbruch des Streiks nach seinem ersten Tag zeigt, dass die Kapitäne ihren Nimbus verlieren. Auch die Lufthansa muss sparen, und ihre Piloten werden den hohen Wettbewerbsdruck künftig stärker spüren. 

Vielleicht entsteht dadurch letztlich tatsächlich die Zwei-Klassen-Gesellschaft, gegen die sich die Streikenden wehrten: Hier die altgedienten, in Deutschland angestellten Gutverdiener, die ihre Rechte bewahren konnten; dort die ausländischen oder jungen Kollegen, die schlechtere Konditionen in Kauf nehmen müssen und vom Unternehmen deshalb häufiger eingesetzt werden.

Dann könnten die Jobs wirklich ins Ausland abwandern. Es sei denn, die Piloten machen weitere Zugeständnisse, um die Stellen hier zu halten. Damit ginge es ihnen nicht besser als den Angehörigen anderer Berufe, die schon seit Jahren Einbußen in Kauf nehmen, um ihre Arbeitsplätze zu sichern. Wie mächtig die Flugkapitäne immer noch sind, hat ihr eintägiger Streik gezeigt: Die Lufthansa wird fast eine Woche brauchen, um wieder in den regelmäßigen Betrieb zurückzufinden. Doch auf Dauer werden die Piloten ihre privilegierte Position nicht halten können.