Bis März kann noch geboten werden

Die Redaktion des Nachrichtensenders N24 kämpft seit Ende 2009 um ihre Jobs und für den Fortbestand von Nachrichten im privaten Rundfunk. Im Dezember kündigte der Vorstandsvorsitzende der ProSiebenSat.1 Media AG, Thomas Ebeling, drastische Sparmaßnahmen im Nachrichtenbereich der gesamten Gruppe an. Seither ist von Verkauf die Rede – zwischenzeitlich sogar von Schließung.

Die Mitarbeiter von N24 wehren sich. Mit offenen Briefen an die Geschäftsführung und an die Politik, mit einem Blog, über ein Profil bei Facebook und via Twitter. Sie schreiben Artikel, drehen Videos, geben Interviews und machen Veranstaltungen mit Vertretern aus Politik und Medien. Das Engagement zeigt mittlerweile Wirkung: Auf einem Symposium stellte sich nun ProSiebenSat.1-Chef Thomas Ebeling öffentlich ihren Fragen. Hier war auch nicht mehr von Schließung die Rede. Wohl aber von radikalem Kahlschlag und Verkauf des Senders.

Das Geschäft mit den Nachrichten rechne sich kaum, sagt der Manager, der vor seiner Arbeit für ProSiebenSat.1 für Novartis, Pepsi-Cola und das Tabakunternehmen Reemtsma gearbeitet hat. Sie seien ein Zuschussgeschäft, das vielleicht "für das Image bei Politikern", aber "nicht unbedingt für alle Zuschauer" wichtig sei. Für Ebeling sind auch eine Show mit Stefan Raab, der unterhaltsam auf politische Entwicklungen aufmerksam machen könne, oder ein Wissensmagazin wie Galileo nachrichtliches Programm. Auch auf klassische Nachrichtensendungen wolle die Gruppe nicht ganz verzichten. Das habe man der Politik und den Landesmedienanstalten gegenüber erklärt. Freilich müssten diese Nachrichten, so sieht es Ebeling, nicht immer unbedingt aus selbst recherchierten und aufwändig produzierten Beiträgen bestehen. "Ein Foto reicht auch", sagt er.

Hintergrund der Auseinandersetzungen sind die hohen Renditeerwartungen der Investoren, denen die Mediengruppe gehört. Nachrichten kosten viel. Schließlich braucht es eigene Korrespondenten auf der ganzen Welt, umfangreiche Technik, eine Vielzahl guter Journalisten, Kameraleute, Tontechniker, Cutter und viel weiteres Personal. Zugleich bringen Nachrichten kaum Werbeeinnahmen – die aber sind die wichtigste Einnahmequelle der Privaten.

Auf dem Spiel stehen nicht nur die 300 Jobs bei N24, sondern – so fürchten Kritiker – das duale Rundfunksystem in seiner bisherigen Form. Der Rundfunkstaatsvertrag legt fest, dass die privaten Fernsehsender und Radiostationen eigenständige, journalistische Nachrichten senden und eine regionale Berichterstattung betreiben müssen, um zum Meinungsbildungsprozess in der Gesellschaft beizutragen. Im Regionalfernsehen schneiden die Privaten vergleichsweise gut ab, wie jüngst eine Studie im Auftrag der Arbeitsgemeinschaft der Landesmedienanstalten feststellte. Und das, obwohl die privaten Nachrichtensendungen mit deutlich geringeren Ressourcen gemachten werden müssen.

N24 produziert als Dienstleister Nachrichten auch für die Sat.1-Nachrichten, Newstime bei ProSieben und die Kabel1–News. Insgesamt erreichen die Nachrichtensendungen der Gruppe den höchsten Anteil unter jüngeren Zuschauern zwischen 14 bis 49 Jahren, die, so belegen immer wieder Studien zum Mediennutzungsverhalten, ansonsten kaum andere Nachrichtenquellen nutzen. Sobald die erste private Sendergruppe ihre Nachrichten massiv einschränkt oder ganz abschafft, so fürchten viele, könnte ein Dominoeffekt eintreten, der schlimmstenfalls zu einer Gesellschaft führt, in der Großteile der Bevölkerung ausschließlich Unterhaltungsmedien nutzen – und sich gar nicht mehr informieren.

Alle Privatsender sind gespannt, wie das Ringen um N24 endet. N24-Redakteur Erdmann Hummel, der auch Mitglied im Redaktionsausschuss ist, formuliert es so: "Wenn man der ProSiebenSat.1-Gruppe erlaubt, 'o.k. - ihr braucht hier keine Information, keine Nachrichten, keinen Journalismus mehr machen', dann wird man sehr schnell sagen können, 'o.k. - wieso soll dann RTL das noch machen müssen?'" Für Niedersachsens Ministerpräsidenten Christian Wulff (CDU), der sich sehr in medienpolitischen Fragen engagiert, wäre dies kein gutes Szenario. "Wir leiden darunter, dass es eine wachsende Spaltung der Gesellschaft gibt. Viele Menschen verstehen die komplexen Vorgänge in der Welt nicht mehr und entziehen sich."

 

Jetzt aber soll es ernsthafte Kaufinteressenten für den Nachrichtensender geben, unter ihnen der ehemalige Chefredakteur des Nachrichtenmagazins Der Spiegel, Stefan Aust. Er nahm als Zuschauer am Symposium teil. Gemeinsam mit dem Geschäftsführer des Senders, Torsten Rossmann, solle ein Management-Buy-out angestrebt werden, heißt es. In einer E-Mail, die N24-Geschäftsführer Rossmann schon Anfang Januar an seine Mitarbeiter schickte, nannte er bereits das Team, mit dem er den Managament-Buy-out umsetzen will.

In den kommenden Tagen und Wochen könnte es ernst werden. Ebeling bestätigte, dass sich "einige Interessenten" gemeldet hätten. Allerdings sei es noch zu früh, die Ernsthaftigkeit zu bewerten. Bis Ende März sollten die Angebote vorliegen, im zweiten Quartal könne dann über N24 entschieden werden. "Ich glaube, es ist fair zu sagen, dass ein Fortbestand in der jetzigen Form nicht angedacht ist. Wir müssen Wirtschaftlichkeit und publizistische Verantwortung einigermaßen in Einklang bringen."

Dass alles auf ein Angebot von Aust hinauslaufen könne, schien Medienjournalisten auf dem Symposium beinahe sicher. Der ehemalige Spiegel-Chefredakteur solle "wichtige Investoren" gefunden haben, hieß es. Und auch das Motiv des Journalisten und Medienmachers war Insidern klar: "Der will journalistisch noch einmal groß zurückkommen."