Blitzschneller Zugriff. Todd Bradley brauchte nicht lange, um sich zu entscheiden. Der Chef der 35 Milliarden Dollar schweren Konsumentensparte bei Hewlett-Packard wusste, mit wem er es zu tun hat. Schließlich war er selber einmal CEO des schwer angeschlagenen kalifornischen Handheld-Pioniers Palm. Jetzt legte er seinem Nachfolger Jon Rubinstein kurz und knapp ein Übernahmeangebot auf den Tisch und holt sich aus Rubinsteins Resterampe das zurück, was er immer schon an Palm bewundert hatte: Ein Team hochspezialisierter Entwickler, ein umfangreiches Patentportfolio und ein komplett neu entwickeltes Internet-Betriebssystem, das Web OS.

Sein Ziel: Der sofortige Einstieg in den boomenden Smartphone-Markt und eine eigene Antwort auf Apples iPad. Dafür ist Palms Web OS bestens geeignet. In besseren Zeiten hatte Noch-Palm-CEO Rubinstein selber solche Träume gehegt und "eine Palette von Web-OS-Geräten" angekündigt.

HP wird 1,2 Milliarden Dollar oder 5,70 Dollar pro Palm-Aktie bezahlen, deren Kurs im Oktober 2009 noch bei mehr als 17 Dollar gelegen hatte. Massive Fehleinschätzungen des Managements und starke Konkurrenz hatten seitdem zu einem rasanten Verfall der Absatzzahlen, Umsatzeinbrüchen und Verlusten geführt. Palms Überlebensfähigkeit stand infrage.

Da griff Bradley zu. Der Manager will das Geschäft noch im dritten Quartal, also vor dem 31. Juli, unter Dach und Fach bringen. Allerdings steht das Abkommen unter dem Vorbehalt der Zustimmung der Aktionäre. Und da regt sich erster Widerstand: Mehrere Anwaltskanzleien haben nach eigenen Angaben Ermittlungen gegen das Aufsichtsgremium von Palm im Auftrag enttäuschter Aktionäre aufgenommen.

Denn mit den Entwicklungen und Patenten von Palm könnte HP groß rauskommen. Der Smartphone-Markt sei alleine über 100 Milliarden Dollar groß und wachse mit 20 Prozent pro Jahr, sagte Bradley. Und: "Wir wollen einer der führenden Anbieter in diesem Segment werden".

 

Ein besonders großes Ertragspotenzial hätten dabei integrierte Lösungen, sagte er in einer Telefonkonferenz, ohne das Wort Apple in den Mund zu nehmen. Die Vorteile lägen in einer besseren Nutzungserfahrung für den Kunden, der Entwicklung einer Premium-Marke und der Möglichkeit, Internet-basierte Services mit anzubieten. Apple hatte mit iTunes, dem iPhone, seinem Software-Shop App Store und zuletzt dem Tablet-PC iPad bewiesen, wie das geht. Das iPad wurde in kaum zehn Tagen über 500.000 Mal verkauft.

Microsoft-Chef Ballmer pries HP noch unlängst als Premiumpartner

Da wird der Schachzug Bradleys zu einem strategischen Richtungswechsel und einem Schlag ins Gesicht des Verbündeten Microsoft. Noch im Januar 2010 hatte dessen CEO Steve Ballmer auf seiner Rede bei der Messe CES in Las Vegas HPs Tablet-PC "Slate" mit Microsofts Betriebssystem Windows 7 und Windows-Internet-Diensten als gemeinsamen iPad-Killer angepriesen. Im Februar nannte Ballmer HP einen Premiumpartner für die Entwicklung der Windows-Handys. Das steht jetzt alles zur Disposition.

Allerdings ist Ballmer nicht unschuldig: Unter Microsofts neuem Smartphone-Betriebssystem dürfen die Hardware-Hersteller nichts mehr an der Software verändern, um sich von den Wettbewerbern abzuheben. Dadurch wird es immer uninteressanter, nur das Plastikgehäuse mit Silizium darin zu liefern.

Verschnupft wird man auch bei Google im wenige Kilometer von Palo Alto, der Heimat HPs, entfernten Mountain View reagieren. Mit den Betriebssystemen Chrome und Android will Google ebenfalls an das Apple-Erfolgsmodell anknüpfen. Der Konzern musste aber bereits schmerzvoll erfahren, wie schwer es ist, als Softwarefirma im Hardwaregeschäft Fuß zu fassen: Der Mobilfunker Verizon sagte jüngst die Markteinführung von Googles Smartphone Nexus One ab. Motorola will Google Maps von seinen Android-Telefonen entfernen und Samsung hat gerade Yahoo zum Exklusivpartner gemacht. "Nicht jeder Hersteller oder Provider will immer Google noch reicher machen", sagte Yahoo-Chefin Carol Bartz dazu dem Handelsblatt.

Jetzt bekommen auch noch die geplanten Google-Tablet-PCs Konkurrenz, bevor sie überhaupt auf dem Markt sind. Selbst Apple hat guten Grund, besorgt zu sein. Mit HP steigt erstmals ein ausgewiesener PC-Massenhersteller mit einem eigenen Betriebssystem in den Markt für integrierte Plattformen ein. Das könnte ein härterer Gegner werden als alle anderen zuvor.

Erschienen am 30.04.2010 im Handelsblatt