Die Gläubigerversammlung der Warenhauskette mit 120 Standorten und über 20.000 Beschäftigten billigte in Essen den Insolvenzplan mit einer wichtigen Änderung: Insolvenzverwalter Klaus Hubert Görg kann nun – anders als bisher geplant – notfalls auch über den 30. April hinaus mit Investoren über den Verkauf verhandeln. Damit erhält er mehr Spielraum, eine Zerschlagung zu verhindern. Auf letztere spekuliert Konkurrent Metro, der nur einzelne Karstadt-Filialen übernehmen will. Görg kann sich bei einem "sehr guten Angebot" aber ebenfalls vorstellen, nur einen Teil von Karstadt zu verkaufen.


Wenn etwa ein "angelsächsischer Investor" mehr Zeit brauche, um Karstadt als Ganzes zu übernehmen, könne ihm diese nun eingeräumt werden, erläuterte Görgs Mitarbeiter Helmut Balthasar den Beschluss der Gläubiger. Für die Entscheidung hatte sich ein Vertreter des Konsortiums Highstreet eingesetzt, an dem die Deutsche Bank und Goldman Sachs wesentlich beteiligt sind. Das Konsortium hat ein Interesse am Erhalt Karstadts – denn ihm gehört der Großteil der Warenhaus-Immobilien. Mit dem Beschluss entfalle die bisher vorgesehene "Abwicklungsautomatik", sagte Balthasar. Denn nun müsse Karstadt nicht mehr zerschlagen werden, wenn der Verkauf bis Ende April nicht im Detail durchgeplant sei sei.

Keine leichte Aufgabe für den Insolvenzverwalter. "Das ist der Ritt auf der Rasierklinge", sagt Klaus Hubert Görg über seinen heiklen Job. Bei dem seit Wochen laufenden Verkaufsgesprächen will sich der erfahrene Insolvenzprofi nicht in die Karten schauen lassen. Geschickt setzt er dabei auch mögliche Interessenten unter Druck.

Fest steht, dass Görg schnell fertig sein will. Bis Freitag kommender Woche um Punkt 17 Uhr sollen die Interessenten ihre Angebote vorlegen. "Unser Ziel ist es, zu einer raschen Entscheidung zu kommen", sagt Görg. Im Poker mit den Karstadt-Interessenten geht es dabei wohl auch um gute Nerven. "Das ist wie Beamten-Mikado. Wer sich zuerst bewegt, hat verloren", sagte ein Insider am Rande der Gläubigerversammlung.

Für die Karstadt-Beschäftigten geht es dabei um nicht weniger als ihre berufliche Existenz. "Die Kollegen von Karstadt hoffen alle", beschreibt die Recklinghäuser Betriebsrätin Christa Schubert die angespannte Stimmungslage. "Jeden Tag freundlich sein und trotzdem immer die Sorge, dass es nicht weitergeht", so erlebt auch der Karstadt-Gesamtbetriebsratsvorsitzende Helmut Patzelt den bereits seit Jahren auf den Menschen lastenden Druck.

Rund 1,6 Millionen Unterschriften haben sie für den Erhalt der Warenhaus-Standorte gesammelt, doch niemand weiß, ob das einen der Investoren beeindrucken kann. Als sicher gilt jedoch, dass es unter der Regie eines neuen Investors zu weiteren Einschnitten kommen wird. Dreizehn Warenhäuser waren bereits unter der Regie des Insolvenzverwalters geschlossen worden, rund 1000 Arbeitsplätze wurden bereits abgebaut.

Mit der Zustimmung der Gläubiger zum Insolvenzplan hat Görg nun die heiße Phase in dem Verkaufsprozess eröffnet. Fast 100 Prozent der Gläubiger billigten in der Karstadt-Kantine ohne großen Widerspruch den Verzicht auf bis zu 97 Prozent ihrer angemeldeten Forderungen von 2,7 Milliarden Euro. Für den Milliarden-Verzicht existiere keine Alternative, hatte ihnen zuvor der Insolvenzverwalter zusammen mit seinen Mitarbeitern nachdrücklich vorgerechnet.

Bei einer Totalliquidation von Karstadt drohe der Verlust von bis zu 99 Prozent der Forderungen, hieß es. Den Karstadt-Lieferanten drohe zudem der endgültige Verlust ihrer Geschäftsbeziehungen mit dem Unternehmen, den Vermietern drohten Schäden von knapp 1,6 Milliarden Euro, der Bundesanstalt für Arbeit drohe der Ansturm von tausenden von neuen Arbeitslosen.

Ein Schicksal wie bei der zweiten großen Arcandor-Tochter Quelle soll Karstadt dabei erspart werden. Ebenso wie für die Muttergesellschaft Arcandor hatten die Gläubiger bereits im vergangenen Jahr das Aus für den Versandhändler beschlossen. Görg gibt sich optimistisch: "Bei der Quelle waren die Voraussetzungen wesentlich ungünstiger."