Dort, wo Alabama am schönsten ist, hat Roland McRae seinen Pier gebaut. Ganz im Süden, am Golf von Mexiko, in Sichtweite von Dauphin Island, einer Insel wie aus dem Reisekatalog. Fünf Dollar nimmt "Mac" von den Hobbyanglern, die fast Schulter an Schulter auf seiner Seebrücke stehen. "800 Meter lang, 50.000 Besucher pro Jahr, drei Hurrikane", fasst McRae die Eckdaten seines Lebenswerks zusammen. Dreimal hat der alte Mann den Wirbelstürmen getrotzt, dreimal hat er alles wieder aufgebaut.

Die Naturgewalten brachten ihn nicht zu Fall. Ein von Menschen verursachtes Unglück aber lässt ihm keine Chance. "In einer Woche ist es aus", sagt McRae. "Ein Hurrikan zerstört zwar alles, danach kann man aber wieder neu anfangen." Die Ölpest dagegen, die auf Alabama zusteuert, bringt zwar den Pier nicht zum Wanken. Nur wird keiner mehr zum Angeln kommen. Jahre, vielleicht Jahrzehnte dauert die Heilung des Meeres. Roland McRae ist 75, seine Söhne sollten das Geschäft schon längst übernommen haben. Nun wissen sie nicht, was wird. Acht Angestellte müssen gehen.

Noch deuten nur die über den Pier fliegenden Hubschrauber der Küstenwache darauf hin, dass da draußen im Golf von Mexiko eine Katastrophe ihren Lauf nimmt. Die feinen Sandstrände, die schäumenden Wellen des Meeres, die Seevögel, die sich um von einer Angelrute abgefallene Köder balgen – alles ist wie immer. Nur die schwüle, einem die Luft nehmende Hitze und die tief hängende graue Wolkenwand schaffen eine Endzeitstimmung wie im Hollywoodfilm. Als würde das Wetter das drohende Unheil verkünden.

Während in Louisiana das Öl bereits Teile der Küste erreicht hat, bleibt hier in Alabama noch Zeit für eine Henkersmahlzeit. "Wir ernähren uns von den Fischen", erzählt Geralb Taylor aus der Stadt Mobile. Seine Frau und er sind beide arbeitslos, seit Jahren kommen sie zum Angeln an die Küste. Auch heute schleppen sie wieder zwei Kühltruhen voller Meerestiere zum Auto. "Wir können den Fisch nicht ersetzen", sagt Taylor. "Kaufen ist zu teuer." – Dann steigt er in seinen Pickup-Truck und düst davon. In Armut leben und Spritfresser fahren ist in Alabama keine Ausnahme.

Öffentliche Verkehrsmittel – Fehlanzeige. Tankstellen dagegen gibt es hier fast so viele wie Kirchen – an jeder Ecke mindestens eine. Eine Gallone Benzin kostet entlang der Küste rund 2,85 Dollar. Umgerechnet sind das 0,57 Euro pro Liter. Viele der freiwilligen Helfer und Tierfreunde, die demnächst zum Vögel putzen anrücken, werden das also ausgerechnet in einem SUV machen. Sich selbst als Naturschützer sehen und Monstertruck fahren ist in Alabama kein Gegensatz. 

Unfälle passieren leider. Wenn ein Flugzeug abstürzt, lassen wir ja auch nicht alle Flieger am Boden.
Michael Oliver, Kellner

Auf einem Findling unten am Strand steht mit großen schwarzen Buchstaben "Don't throw trash", bitte keinen Müll ins Wasser werfen. "Das haben die Leute von BP wohl nicht gelesen", ätzt Todd Loggains. "Der Konzern gehört bestraft." Die Liste mit Vorwürfen gegen den Ölriesen wird immer länger. Erst das technische Versagen, dann die Unterschätzung der Folgen. Eine Klagewelle rollt bereits an. Die Wut wächst nicht nur in Alabama. Doch wohl nirgendwo sonst ist die Diskrepanz zwischen verschiedenen wirtschaftlichen Interessen so groß wie hier.