Diverse Rettungseinsätze sind gescheitert, die Küsten mit Öl verseucht, die Informationen so trüb wie das Wasser in 1600 Meter Tiefe: In der Öffentlichkeit hat der britische Ölkonzern BP jeden Kredit verspielt. Fünf Wochen nach der Explosion auf der Bohrplattform Deepwater Horizon im Golf von Mexiko, bei der elf Menschen starben und seitdem Massen an Öl ins offene Meer fließen, fliehen jetzt Investoren in Scharen aus der Aktie. Der Titel setzte gestern seine Talfahrt fort. Immer mehr Aktionäre fürchten, dass die Krise sich ausweitet - und dass damit die Folgekosten für den Rohstoffmulti weiter steigen.

Schon jetzt hat der Ölkonzern 29 Milliarden Pfund oder rund ein Viertel seiner Marktkapitalisierung eingebüßt. An der Londoner Börse sackten BP-Anteilsscheine gestern Nachmittag um knapp vier Prozent. Damit ist der niedrigste Stand seit zehn Monaten erreicht - aber ob es der endgültige Tiefpunkt ist?

Der amerikanische Innenminister Salazar sieht das Unternehmen inzwischen in einer "existenziellen Krise", wie er am Wochenende sagte. Obwohl noch nicht abzusehen ist, wie die bevorstehenden juristischen Auseinandersetzungen über die finanzielle Verantwortung für die Katastrophe ausgehen werden, steigen die Kosten des Konzerns bereits exorbitant. BP hat einen aktualisierten Schadensbericht vorgelegt, wonach im Zuge des Unglücks bislang rund 760 Mio. Dollar (oder 22 Millionen Dollar pro Tag) an Aufwendungen angefallen seien - doppelt so viel, wie noch vor zwei Wochen geschätzt.

Immer deutlicher wird, dass BP keine Erfahrungen mit Öllecks in einer solchen Tiefe hat. Die bisherigen Operationen zur Eindämmung der Krise seien nicht sonderlich effektiv gewesen, räumte der Konzern ein. So werde weitaus weniger Öl aufgefangen und abgepumpt als noch in der Vorwoche angegeben. Wie ein Unternehmenssprecher sagte, sind es nur noch gut 300 Tonnen statt 700 Tonnen täglich.

 Auch kommunikativ strauchelt BP. Die Äußerungen des Managements schwanken zwischen Verharmlosungen und Alarmstimmung. Geschäftsführer Bob Dudley räumte am Pfingstsonntag ein, dass die Ölpest "katastrophal" sei. Zuvor hatte es Konzernchef Tony Hayward mit einer anderen Strategie versucht: "Der Golf von Mexiko ist ein riesiges Gewässer. Im Vergleich zur Wassermenge ist das, was jetzt an Öl austritt und auch das, was wir an Chemikalien hineintun, klitzeklein", sagte er.

Seitdem sieht sich BP massiven Vorwürfen ausgesetzt, das wahre Ausmaß der Krise zu verschleiern. Schließlich ist fünf Wochen nach dem Unglück noch immer unklar, wie viel Öl genau ins Meer strömt. Die offiziellen BP-Schätzungen von 800 000 Litern pro Tag halten zahlreiche Experten für falsch. Unabhängige Physiker haben dem US-Kongress mitgeteilt, dass mehr als die zehnfache Menge ins Meer ausströmen könnte.

Viele Aktionäre kritisieren: Konzernchef Hayward habe "nicht immer die richtige Balance gefunden, um dem Ernst der Lage gerecht zu werden und andererseits all denen Kontra zu bieten, die jetzt den absoluten Super-Gau beschwören", heißt es bei einem großen Anteilseigner des Ölkonzerns. Hayward sollte die Dinge entsprechend "nicht übertreiben und nicht beschönigen".

Andere Anteilseigner belassen es nicht bei kritischen Worten. So hat eine BP-Aktionärin das Unternehmen bereits verklagt. BP habe auf Kosten der Sicherheit gespart, heißt es in der Klageschrift. Und weiter: Schon in der Vergangenheit habe der Konzern Sicherheitsauflagen ignoriert. So gab es 2005 in einer BP-Raffinerie in Texas eine Explosion, bei der 15 Menschen starben und mehr als 170 verletzt wurden. Wegen Verstößen gegen Sicherheitsvorschriften wurde BP zu einer Rekordstrafe von 87 Millionen Dollar verurteilt. 2006 geriet BP erneut in die Schlagzeilen: Aus einer lecken Pipeline in Alaska, die dem britischen Konzern gehört, lief Öl aus. BP zahlte 20 Millionen Dollar Strafe.