Weihnachten 1982. Irgendwo vor der schottischen Küste auf einer Bohrinsel von BP. Es ist kurz vor Sonnenaufgang, als die Männer, die hier seit einem halben Jahr arbeiten, am Ziel sind: Sie haben eine neue Ölquelle entdeckt. Unter den Arbeitern ist auch ein Geologe, 25 Jahre alt, frisch von der Uni: Tony Hayward. Später wird er sagen: "Der Ölfund, das war mein schönstes Weihnachtsgeschenk."

Ende April 2010. Irgendwo im Golf von Mexiko. Eine Bohrinsel, auf der 120 Männer im Auftrag von BP nach Öl suchen, explodiert. Elf Menschen sterben, Öl fließt ins Meer. Die Welt erlebt eine der verheerendsten Ölkatastrophen.

Zu denen, die Verantwortung übernehmen müssen, gehört Tony Hayward, inzwischen 52. Sein gesamtes Berufsleben hat er bei BP verbracht und es bis an die Spitze des Konzerns geschafft. Eine Bohrinsel - sie markiert den Anfang seiner Karriere. Und sie könnte ihr Ende einläuten, wenn sich herausstellt, dass Schlampereien bei BP an dem Bohrinsel-Drama schuld sind. Wie 2005, als bei einer Explosion in einer BP-Raffinerie 15 Menschen sterben. Wie 2006, als durch eine durchgerostete BP-Pipeline in Alaska Tausende Liter Öl auslaufen. "Verdammt noch mal", sagt Hayward zum aktuellen Desaster, "womit haben wir das verdient?"

Er ist 2007 als BP-Chef mit dem Ziel angetreten, dass solche Unfälle ein für alle Mal Vergangenheit sind. Er hat den Konzern umgekrempelt, Hierarchiestufen abgeschafft und schärft den Mitarbeitern seit seinem Antritt ein: Sicherheit geht vor.

Hayward ist da zwar bereits 25 Jahre im Unternehmen, doch man traut ihm den Neuanfang zu. Mehr noch. Er sei genau das, was der Konzern gebraucht habe. "Ein Techniker, ein bodenständiger Manager, der sich um wichtige Dinge selbst kümmert, der zuhören kann", sagt Oppenheimer-Analyst Fadel Gheit.

Der Gegensatz zu seinem Vorgänger John Browne hätte größer nicht sein können. Wegen seines autokratischen Führungsstils nannte man diesen den "Sonnenkönig". Und wegen seiner Vorliebe für teure Zigarren und Weine galt er als extravagant. Hayward hingegen fühlt sich bei einem Glas Bier oder im Fußballstadion bei einem Spiel seines Lieblingsvereins West Ham am wohlsten. Dem Klub ist er seit seinem sechsten Lebensjahr treu. Hayward ist in der Nähe von London aufgewachsen, in einer Familie mit sechs Geschwistern. "Als ältester Bruder", sagt er, "lernt man früh, Verantwortung zu übernehmen."

Es ist seine Liebe zum Fußball, die ihn später an die Universität von Edinburgh bringt. Denn der Fußballverein der Uni hat einen guten Ruf. Nach dem Geologie-Studium bekommt Hayward Jobangebote von den Großen der Ölbranche. Er entscheidet sich für die Nummer eins, Exxon Mobil, und lässt sich in letzter Minute davon abbringen - durch einen Anruf vom Chef-Geologen von BP. "Dass mich ein hochrangiger Mitarbeiter anrief, machte mir das Unternehmen sympathisch."

Jahre später, als Hayward die BP-Führung übernimmt, sind es nicht nur schmeichelhafte Worte, mit denen er den Konzern beschreibt. "Das ist ja fürchterlich", entfährt es ihm, nachdem Unternehmensberater eine Bestandsaufnahme präsentiert und ihn auf die Schwachstellen aufmerksam gemacht haben.

Hayward merzt sie aus. BP überholt sogar den Erzrivalen Shell. Es ist sein Konzern, der mehr Öl produziert, der die Krise besser meistert und Shell sogar in der Unfallstatistik in den Schatten stellt - bis zum 20. April, bis zum Bohrinsel-Unglück im Golf von Mexiko. "Wir werden daran gemessen, wie wir das in den Griff bekommen", sagte Hayward kurz darauf.

Er wird daran gemessen. Er weiß, was auf dem Spiel steht.