"Banken übernehmen, Manager feuern"

ZEIT ONLINE: Herr Kwak, Ihr Buch "13 Bankers" ist in den USA eine der einflussreichsten Schriften zur Finanzmarktkrise geworden. Darin vergleichen Sie die Wall Street mit der südkoreanischen Cliquenwirtschaft. Wie kommen Sie darauf?

James Kwak: Oligarchien sind nicht nur in Schwellenländern ein Problem. Auch in den USA haben einige wenige Unternehmen immer mehr Einfluss gewonnen. Hier wie dort wurden die Konzerne so groß, weil der Staat sie schützte. In Südkorea sind es familiengeführte Konglomerate. In Amerika ist es die Wall Street mit ihren Wahlkampfspenden und den Ex-Bankern, die nach Washington wechseln.

ZEIT ONLINE: Als dann die Asien- beziehungsweise die Finanzkrise zuschlugen... 

Kwak: ...wurden die Großen gerettet, während manch kleines Unternehmen unterging. Bei uns ließ die Regierung Bear Stearns und Lehman Brothers fallen, aber die ganz Großen zog man aus dem Sumpf. Die Rettung an sich war nötig. Sie hätte aber ganz anders ablaufen können.

ZEIT ONLINE: Das entscheidende Treffen zwischen dem neu gewählten Präsidenten Barack Obama und den wichtigsten Bankchefs haben Sie zum Titel ihres Buches gemacht.

Kwak: Die "13 Bankers", die dreizehn Chefs der größten amerikanischen Geldhäuser, waren am 27. März 2009 im Weißen Haus zu Gast. Die Finanzkrise hatte bis zu diesem Tag mehr als vier Millionen Amerikaner ihre Arbeitsplätze gekostet, die Börse war um 40 Prozent eingebrochen. Die Citigroup hatte bereits drei Finanzspritzen vom Steuerzahler bekommen und stand immer noch am Abgrund. Auch die Bank of America drohte zu kollabieren. Eines war klar: Die Wall Street brauchte die Regierung.

ZEIT ONLINE: Es gab sogar die Idee, die Banken vorübergehend zu verstaatlichen.


Kwak: Die Banken übernehmen, das Management feuern, die Aktionäre mit leeren Taschen nach Hause schicken. Dann hätte der finanzielle Giftmüll, der das System noch heute bedroht, sauber entsorgt werden können. Es wären kleine, gesunde Banken entstanden. Leider entschied sich das Weiße Haus für das, was ich Blankoscheck-Option nenne.

ZEIT ONLINE: Die Autohersteller General Motors und Chrysler dagegen hat Obama quasi in Volkseigentum überführt, ohne mit der Wimper zu zucken.

Kwak: Das ist der Unterschied. Das Treffen im Weißen Haus steht symbolisch für die enge Verzahnung zwischen Politik und Wall Street. Die Banken verpflichteten sich zu gar nichts. Selbst gegen die Boni-Zahlungen ist Obama schon wieder machtlos. Damals wurde klar: Das Weiße Haus glaubt, dass es die Banken genauso braucht wie die Banken das Weiße Haus. 

"Die Reform ist besser als nichts"

ZEIT ONLINE: Immerhin setzt Obama eine Finanzreform durch. Senat und Repräsentantenhaus basteln gerade an der Endfassung. Bis zum Unabhängigkeitstag am 4. Juli will der Präsident unterschreiben.

Kwak: Das Gesetz ist viel, viel besser als nichts, das stimmt. Die Pläne zum Verbraucherschutz sind ein großer Schritt für das Land. Auch die Regeln zur Aufsicht des Derivate-Handels sind wichtig. Wir müssen wissen, was auf diesen Märkten läuft.

ZEIT ONLINE: Euphorisch klingen Sie aber nicht.

Kwak: Was die Finanzkrise so dramatisch gemacht hat, ist die Größe der Banken. Lehmann Brothers war eine der kleineren Banken an der Wall Street, doch diese eine Pleite reichte aus, um das ganze System zum wanken zu bringen. Die Banken sind weiterhin nicht nur too big to fail, sie sind sogar noch größer geworden. 

ZEIT ONLINE: Und da wagt sich das Weiße Haus nicht heran?

Kwak: Über die entsprechenden Vorschläge im Senat hat die Führung der Demokraten einfach nicht abstimmen lassen, obwohl es viele Unterstützer gab. Das Zeitfenster für diese Chance ist nun wieder geschlossen. Das Weiße Haus hat die Debatte abgewürgt.

ZEIT ONLINE: Warum?

Kwak: Obama will das Gesetz durchbringen, den Sieg feiern und weiterziehen. Es ist eine Frage der Prioritäten. Die Finanzreform musste er machen, aber andere Vorhaben wie die Gesundheitsreform sind ihm immer wichtiger gewesen. Und als Politiker denkt Obama auch an die Parlamentswahlen im Herbst und seine Wiederwahl im Jahr 2012.

ZEIT ONLINE: Was mit Spenden aus der Finanzindustrie...

Kwak: ...einfacher werden könnte als ohne. Es ist eben teuer, in den USA ein Politiker zu sein. Und Obama ist ein Politiker, auch wenn er etwas besser ist als die meisten anderen. 

"Eine Transaktionssteuer dämmt jene Transaktionen ein, die pure Zockerei sind"

ZEIT ONLINE: In Ihrem Buch stellen Sie Obama in eine nicht sehr schmeichelhafte Reihe mit seinen Vorgängern. Bill Clinton kommt sogar noch schlechter weg als George W. Bush.

Kwak: (lacht) Das liegt am Thema. In allen anderen Politikfeldern war Clinton sicher besser. Aber in Sachen Deregulierung hat er noch mehr Schaden angerichtet als Bush. Bush hat sich so verhalten, wie sich republikanische Präsidenten immer verhalten haben. Früher aber fungierte die Demokratische Partei als Gegengewicht. Reagan etwa konnte gegen das Parlament nicht alles durchsetzen, was er vorhatte.

ZEIT ONLINE: Und Clinton?

Kwak: Das Problem mit Clinton war, dass er aus den Demokraten die zweite Wall-Street-Partei des Landes gemacht hat. Zwar glaubte er ehrlich an die Chancen einer florierenden Finanzindustrie. Andererseits war es politisch opportun.

ZEIT ONLINE: Gerade der Derivate-Markt ist unüberschaubar. Wer soll da die Grenzen ziehen zwischen wirtschaftlich sinnvollen Geschäften und reiner Zockerei?

Kwak: Das ist schwierig, aber machbar. Ich finde, es sollte eine Pflicht geben, zu begründen, warum dieses oder jenes Finanzprodukt gebraucht wird. Ein Beispiel: Ein Zulieferer ist von einem Großkunden abhängig, der stets auf Pump bei dem kleineren Unternehmen einkauft. Da macht es für den Zulieferer natürlich Sinn, sich ein Credit Default Swaps [eine Art Kreditausfallsversicherung] zuzulegen, da sonst das Risiko bestünde, im Falle einer Pleite des Kunden das Geld niemals zu sehen.

ZEIT ONLINE: In Deutschland hat die Regierung kürzlich naked short sales – ungedeckte Leerverkäufe – plötzlich verboten. Das ist zwar in den USA schon lange der Fall, trotzdem hat sich die Wall Street fürchterlich aufgeregt.

Kwak: Leerverkäufe an sich sind gut. Wenn man Preise über einen Markt festlegen will, muss man den Leuten eben auch die Gelegenheit geben, darauf zu setzen, dass die Preise fallen. Wenn ein Unternehmen überbewertet ist, dann ist es gut, dass Shortseller das aufdecken. Ungedeckte Leerverkäufe können aber gefährlich sein, weil hier häufig nicht auf die Entwicklung eines Unternehmens in der fernen Zukunft gesetzt wird, sondern auf ein abruptes Fallen der Kurse in wenigen Minuten.   

ZEIT ONLINE: Ein Wort noch zur Transaktionssteuer. Die deutsche Regierung will weltweit für die Idee werben.

Kwak: Ich finde das Konzept gut. Eine kleine Steuer verhindert keine Transaktionen, die wirtschaftlich wirklich sinnvoll sind. Aber vielleicht dämmt es jene ein, die pure Zockerei sind.

ZEIT ONLINE: Werden die USA dabei mitmachen?

Kwak: Nein, keine Chance.

Das Interview führte Felix Wadewitz.