ZEIT ONLINE: In Ihrem Buch stellen Sie Obama in eine nicht sehr schmeichelhafte Reihe mit seinen Vorgängern. Bill Clinton kommt sogar noch schlechter weg als George W. Bush.

Kwak: (lacht) Das liegt am Thema. In allen anderen Politikfeldern war Clinton sicher besser. Aber in Sachen Deregulierung hat er noch mehr Schaden angerichtet als Bush. Bush hat sich so verhalten, wie sich republikanische Präsidenten immer verhalten haben. Früher aber fungierte die Demokratische Partei als Gegengewicht. Reagan etwa konnte gegen das Parlament nicht alles durchsetzen, was er vorhatte.

ZEIT ONLINE: Und Clinton?

Kwak: Das Problem mit Clinton war, dass er aus den Demokraten die zweite Wall-Street-Partei des Landes gemacht hat. Zwar glaubte er ehrlich an die Chancen einer florierenden Finanzindustrie. Andererseits war es politisch opportun.

ZEIT ONLINE: Gerade der Derivate-Markt ist unüberschaubar. Wer soll da die Grenzen ziehen zwischen wirtschaftlich sinnvollen Geschäften und reiner Zockerei?

Kwak: Das ist schwierig, aber machbar. Ich finde, es sollte eine Pflicht geben, zu begründen, warum dieses oder jenes Finanzprodukt gebraucht wird. Ein Beispiel: Ein Zulieferer ist von einem Großkunden abhängig, der stets auf Pump bei dem kleineren Unternehmen einkauft. Da macht es für den Zulieferer natürlich Sinn, sich ein Credit Default Swaps [eine Art Kreditausfallsversicherung] zuzulegen, da sonst das Risiko bestünde, im Falle einer Pleite des Kunden das Geld niemals zu sehen.

ZEIT ONLINE: In Deutschland hat die Regierung kürzlich naked short sales – ungedeckte Leerverkäufe – plötzlich verboten. Das ist zwar in den USA schon lange der Fall, trotzdem hat sich die Wall Street fürchterlich aufgeregt.

Kwak: Leerverkäufe an sich sind gut. Wenn man Preise über einen Markt festlegen will, muss man den Leuten eben auch die Gelegenheit geben, darauf zu setzen, dass die Preise fallen. Wenn ein Unternehmen überbewertet ist, dann ist es gut, dass Shortseller das aufdecken. Ungedeckte Leerverkäufe können aber gefährlich sein, weil hier häufig nicht auf die Entwicklung eines Unternehmens in der fernen Zukunft gesetzt wird, sondern auf ein abruptes Fallen der Kurse in wenigen Minuten.   

ZEIT ONLINE: Ein Wort noch zur Transaktionssteuer. Die deutsche Regierung will weltweit für die Idee werben.

Kwak: Ich finde das Konzept gut. Eine kleine Steuer verhindert keine Transaktionen, die wirtschaftlich wirklich sinnvoll sind. Aber vielleicht dämmt es jene ein, die pure Zockerei sind.

ZEIT ONLINE: Werden die USA dabei mitmachen?

Kwak: Nein, keine Chance.

Das Interview führte Felix Wadewitz.