Der Petroleum-Club zerfällt – Seite 1

Vor wenigen Monaten noch war BP-Chef Tony Hayward die Lichtgestalt seiner Branche. Trotz Finanzkrise präsentierte der britische Manager Ende April glänzende Zahlen: Gewinn im ersten Quartal mehr als verdoppelt.

Doch nach acht Wochen der unterschätzten Probleme, des Beschwichtigens und der Ratlosigkeit ist der Glanz erloschen und Hayward seinen bisherigen Job los. Am Freitag hat sein BP-Aufsichtsratschef Carl-Henric Svanberg ihm mit sofortiger Wirkung das Krisenmanagement entzogen. "Es ist klar, dass Tony Bemerkungen gemacht hat, die Leute verärgert haben", sagte Svanberg.

Hayward wurde zurück in die Konzernzentrale nach London kommandiert. Die Aufräumarbeiten im Golf von Mexiko leitet nun der geschäftsführende Direktor Bob Dudley, ein Amerikaner.

Am Samstag, einen Tag nach seiner Demission, wird Hayward auf einer Yachtregatta vor der Isle of Man fotografiert. Sein 700 000 Dollar teures Boot habe an dem Rennen teilgenommen, steht in Zeitungen. Die Empörung im Weißen Haus und an den ölverschmierten Küsten Floridas lässt nicht lange auf sich warten. "Ich wünschte, wir könnten uns auch einmal einen Tag frei vom Öl nehmen", sagt einer der Küstenbewohner.

Es setzt sich fort, was seit Wochen zu besichtigen ist. BP scheint kein Gespür dafür zu entwickeln, wie der Konzern sich öffentlich verhalten soll.

Was anfangs ein Problem des britischen Konzerns war, ist längst eines der gesamten Ölindustrie. Die Amerikaner, die Politiker prangern nun nicht mehr die Zocker der großen Banken an. Sondern die Manager der Ölkonzerne, die mächtigen, stolzen, texanischen "old boys".

Auf einmal werden die Oberen der US-Konzerne Exxon Mobil, Chevron und Conoco-Philips sowie des britisch-niederländischen Shell-Konzerns nach Washington zitiert und müssen sich stundenlang den kritischen Fragen der Kongressabgeordneten stellen. Alle großen Komiker des Landes spotten im Fernsehen über sie. Und sie müssen sich Anschuldigungen von US-Präsident Barack Obama gefallen lassen, über Jahre hinweg ihre Regulierer bestochen zu haben.

Es beginnt nun eine neue Phase der Krisenbewältigung. Die Konkurrenten wollen nicht mehr mitansehen, wie BP von einem PR-Gau zum nächsten taumelt. So jedenfalls lassen sich die Ereignisse des Wochenendes deuten.

BP versucht zu retten, was zu retten ist

Die Schlagzeilen: "BP schasst seinen obersten Krisenmanager Tony Hayward." "Hayward geht mit seiner Luxus-Yacht segeln, während Millionen weitere Liter Öl ins Meer laufen."

BP versucht zu retten, was zu retten ist. Der Konzern gibt bekannt, er habe 104 Millionen Dollar an Entschädigungen gezahlt. Aber das geht in den Nachrichten fast unter. Weil es wieder technische Probleme beim Abpumpen des Öls gibt.

Unter anderen Umständen hätte es für Jim Hackett ein großer Tag werden können. In einem Luxushotel in der texanischen Ölmetropole Houston trifft die Branche sich zur "Energy Capital Week", einer wichtigen Konferenz. Hackett, ein großer sportlicher Typ, Chef des US-amerikanischen Ölförderers Anadarko Petroleum, soll sich feiern lassen. Er wird zum "Vorstandschef des Jahres" gekürt.

Hacketts Welt scheint heil für einen Moment, ein bisschen so, als sei nichts geschehen. Als sei der Name einer untergegangenen Bohrplattform im Golf nicht in kürzester Zeit in aller Welt zum Synonym für die größte Umweltkatastrophe in der Geschichte Amerikas geworden: "Deepwater Horizon".

Hackett bedankt sich für die Auszeichnung, er sagt: "Wir sind stolz, ein Teil dieser Branche zu sein, die eine so wichtige Säule unserer Existenz ist." Dann verschwindet er. Sein Terminkalender ist ungewöhnlich voll. Denn auch BP ist Teil dieser Branche und ein wichtiger Partner von Anadarko, das mindert Hacketts Stolz.

In einem Interview macht der Amerikaner seinem Ärger über BP Luft. Er wirft den Briten Leichtfertigkeit vor. Es gebe immer mehr Beweise, dass die Explosion und der Untergang der Bohrinsel vermeidbar gewesen seien, sagt Hackett. Er denke darüber danach, BP zu verklagen.

Denn auch er steht unter Druck. Anadarko ist mit 25 Prozent an dem Ölfeld im Golf von Mexiko beteiligt, das mehrheitlich dem britischen Konzern BP gehört. Anadarko hat dort zwar keine operative Verantwortung, wird aber vielleicht für einen Teil der Schäden geradestehen müssen. Der Aktienkurs des Ölförderers ist mehr als 40 Prozent eingebrochen. Die Ratingagentur Moody’s hat die Kreditwürdigkeit auf Ramschstatus herabgestuft.

Hacketts Vorwürfe mögen ein Versuch sein, die eigene Haut zu retten. Sie sind auch ein Hinweis darauf, dass sich in Houston mächtige Bündnisse formieren – an BP vorbei. Die Wolkenkratzer, deren verspiegelte Scheiben in der Innenstadt im Sonnenlicht glitzern, schirmen neugierige Blicke ab. Und offen sprechen will bei Exxon Mobil, Chevron und anderen Ölmultis derzeit niemand.

"Die Branche ist bloßgestellt, gedemütigt und frustriert", sagt der frühere Amerika-Chef von Shell, John Hofmeister. Die Vorbereitungen für eine organisierte Schadensbegrenzung haben im kleinen Kreis längst begonnen. 

Das Chaos wird teuer, für BP und für die Branche

Hofmeister hat in Houston gerade die "Offshore Drilling Task-Force" gegründet. Die sonst so erbitterten Konkurrenten sollen nun zusammen Richtlinien erarbeiten, auf die sich die Regierung bei ihren Entscheidungen in den nächsten Monaten stützen kann. Auch in der einflussreichen Lobby-Organisation in Washington ist das die Strategie: Im American Petroleum Institute (API) haben sich die Experten der Konzerne zusammengetan, um in verschiedenen Teams Verbesserungen bei der Sicherheit und Prävention von Bohrinseln vorzuschlagen.

Die neue Einigkeit ist schnell erklärt. "Die Unternehmen wollen mit am Tisch sitzen, wenn die Regierung über verschärfte Regulierungen entscheidet", sagt Hofmeister. Das API sei ein guter Ort, um Veränderungen rechtzeitig in die richtige Richtung zu lenken. BP bleibt außen vor. Exxon, Chevron, Conoco- Philips und Shell haben sich öffentlich von BP distanziert. Sie nehmen dem Konkurrenten die pannenreiche Öffentlichkeitsarbeit übel, mit der er ihnen geschadet hat.

Der Sicherheitsdienst vor der BP-Zentrale, am Rande Houstons, beobachtet derzeit besonders genau, wer sich vor dem Gebäude mit wem unterhält. Gespräche mit der Presse oder mit Demonstranten sind untersagt. Der Parkplatz für die Übertragungswagen der Fernsehsender darf nach 17 Uhr nicht mehr betreten werden. Die Mitarbeiter, so erzählt man sich in der Bar gegenüber, gehen morgens nicht mehr in T-Shirts aus dem Haus, auf denen das grün-gelbe Konzernlogo abgebildet ist. Andere holen sich auf dem Weg zur Arbeit keinen Kaffee mehr, aus Angst, angepöbelt zu werden.

Das Chaos wird teuer, für BP und für die Branche. Diese Woche will BP Anleihen im Wert von bis zu zehn Mrd. Dollar begeben, berichten US-Medien. Außerdem hoffe der Konzern auf sieben Mrd. Dollar, geliehen von sieben verschiedenen Banken.

Im altehrwürdigen "Petroleum Club" sind die finanziellen Folgen des Unfalls eines der zentralen Themen. Im 43. Stock des Exxon-Wolkenkratzers kann man frei reden, nur Mitglieder und geladene Gäste haben Zutritt. Große Fensterfronten, gewienerte Holzböden, mächtige Kronleuchter: die Stimmung der guten alten Zeit der Ölindustrie.

Doch jedes der mehr als 1400 Mitglieder weiß, dass eine neue Zeit begonnen hat. Der US-Präsident zerschlägt gerade die Regulierungsbehörde Mineral Management Service, mit der die Zusammenarbeit bisher so freundschaftlich funktioniert hat. Die Zukunft der Ölförderung am Golf steht auf dem Spiel.

Eine Managerin versteht das nicht. "So tragisch die Lage am Golf ist: Es ist extrem unwahrscheinlich, dass so etwas wieder passiert. Und dafür sollen wir jetzt zur Kasse gebeten werden?" Doch sie hat Hoffnung: "Unsere Lobby ist mächtig. Außerdem dürfen wir bei aller Kritik nicht vergessen: Jeder will große Autos fahren und billigen Sprit tanken. Das wissen auch die Politiker."

Der Artikel erschien am 21.06.2010 im Handelsblatt.