Frage: Herr van Son, Sie kämpfen für das Milliardenprojekt Desertec, das Strom in den Wüsten Afrikas gewinnen will. Sind Sie ein Idealist oder ein Fantast?

Paul van Son: Weder noch, ich bin ja nicht blauäugig. Ich habe zwar eine Vision, dass es einen Wechsel von fossilen zu erneuerbaren Energien wie Solar- und Windenergie geben wird - und da spielt Desertec eine wichtige Rolle. Gleichzeitig versuche ich, realistisch und pragmatisch zu sein. Das Wüstenstromprojekt muss wirtschaftlich betrieben werden.

Frage: Aber ist es realistisch, 400 Milliarden Euro zu mobilisieren, um Wüstenstrom nach Europa zu importieren?

Van Son: Wir selbst planen nicht mit dieser Summe. Sie ist nur eine Schätzung in einem denkbaren Szenario. Mehr nicht. Wir sprechen über einen Zeitraum bis zum Jahr 2050, also 40 Jahre. Niemand kann sagen, wie hoch die Gesamtinvestitionen für diese Entwicklung sein werden.

Frage: Aber es geht auf jeden Fall um hohe Milliardensummen, für die sie letztlich verantwortlich sind.

Van Son: Bitte überschätzen Sie unsere Rolle nicht. In der Öffentlichkeit gibt es ein großes Missverständnis über Desertec. Wir sind weder ein Solar-, noch ein Windkraft- oder ein Baukonzern, der in den nächsten 40 Jahren 400 Milliarden investieren wird. Wir sind lediglich eine Initiative von mehr als einem Dutzend Unternehmen, die das Wüstenstromprojekt möglich machen. Wir sind Koordinator, Wegbereiter, Katalysator und Beschleuniger für Europa als Stromkunde sowie Nordafrika als Kunde und Produzent.

Frage: Wie bitte? Das Konsortium wird Desertec nicht selbst bauen?

Van Son: Es wird keine Blaupause geben, nach der die Gesellschafter nach und nach ein riesiges Solarkraftwerk in Nordafrika aufbauen. Nein, wir sorgen dafür, dass es sich lohnt und möglich ist, in Nordafrika Strom zu produzieren, und wir sorgen dafür, dass es möglich ist, ihn nach Europa zu transportieren. Wenn die Rahmenbedingungen stimmen, werden sich von selbst die Investoren finden, die Projekte in Angriff nehmen. Das können unsere Gesellschafter oder Partner sein, es können aber auch andere Firmen sein. Desertec entsteht dann von selbst.

Frage: Rücken Sie also von Ihren ehrgeizigen Zielen ab?

Van Son: Nein, wir sind überzeugt, dass es ein Potenzial gibt, im Jahr 2050 rund 15 Prozent des Strombedarfs Europas durch Importe aus Afrika zu decken und gleichzeitig die lokalen Märkte zu versorgen. Dafür wollen wir die Bedingungen schaffen. Und wenn der Anteil am Ende geringer ausfällt, hat sich unsere Arbeit trotzdem gelohnt.

Frage: Wie wollen Sie so unterschiedliche Kulturen und Interessen wie die europäischen und die afrikanischen unter einen Hut bringen?

Van Son: Das geht nur, wenn Sie bei den Regierungen der Länder für Akzeptanz werben. Deshalb bin ich viel in Afrika unterwegs und erkläre unsere Initiative. Und ich zeige Ihnen die Vorteile auf. In vielen Staaten gibt es den großen Wunsch, von Öl und Gas unabhängig zu werden und selbst verstärkt die erneuerbaren Energien zu nutzen. Tunesien, Libyen, Ägypten, Algerien oder Marokko - die sind alle interessiert.

Frage: Aber die politische Lobbyarbeit ist nicht einfach?

Van Son: Natürlich ist das unsere größte Herausforderung. Schauen Sie sich allein Europa an. Selbst hier ist der Markt für erneuerbare Energien nicht harmonisiert. Wir müssen dafür sorgen, dass viele Länder die Wüstenstrom-Idee unterstützen und die Rahmenbedingungen schaffen - beispielsweise für den Transport des Stroms.

Frage: Und wie sieht es mit der Technologie aus?

Van Son: Das ist das kleinste Problem. Die Technologien, die wir einsetzen wollen, funktionieren schon.

Frage: Aber noch nicht zu akzeptablen Preisen.

Van Son: Ja, das ist richtig. Das ist neben den Rahmenbedingungen die zweite große Herausforderung. Sowohl bei Solarthermie, bei der Sonnenenergie Wasserdampf erzeugt und eine Turbine zur Stromerzeugung antreibt, als auch bei Photovoltaik liegen die Kosten deutlich über dem Marktniveau.