Frage: Mit der US-Finanzmarktreform wird es für Investoren künftig leichter, Ratingagenturen wegen Fehlurteilen zu verklagen. Macht Sie das nervös?

Deven Sharma: Wir beobachten das durchaus mit gewisser Sorge. Es gibt bereits einen Trend dazu, dass Investoren den Rechtsweg beschreiten, um die Ratingagenturen haftbar zu machen. Die jetzt beschlossene Finanzmarktreform könnte noch mehr Investoren dazu ermutigen, um von eigenen Fehlentscheidungen in der Investition abzulenken. Wir fürchten da einen gewissen Missbrauch.

Frage: Und der könnte das Ende von S&P bedeuten?

Sharma: Nein. Bislang wurden die meisten Klagen ja aus Mangel an Substanz auch abgewiesen. Zudem gestalten wir unsere Ratingprozesse so, dass es für Gerichte keinen Grund geben sollte, diese zu beanstanden.

Frage: Gerade mit Blick auf die sogenannte Subprime-Krise um schwache US-Hypotheken gab es aber von allen Seiten massive Kritik. Zu Recht?

Sharma: In diesem Bereich haben wir tatsächlich mit unseren Annahmen gründlich danebengelegen und daher - wie wir heute wissen - strukturierte Subprime-Verbriefungen zu gut bewertet. Dabei hat den drastischen Einbruch am US-Immobilienmarkt aber kaum jemand vorausgesehen.

Frage: Welche Konsequenzen hat S&P denn aus dem Debakel um die Subprime-Krise gezogen?

Sharma: Wir haben seither unsere Ratingprozesse, Methoden und Analysen gestärkt und sind noch transparenter geworden.

Frage: Aber nicht freiwillig, sondern auf Druck der Regierungen in den USA und in Europa, wo alle Ratingagenturen jetzt stärker reguliert werden...

Sharma: Das ist nicht ganz richtig. Einen Großteil der verschärften Ansprüche haben wir schon vorher erfüllt. Abgesehen davon begrüßen wir grundsätzlich die Regulierung.

Frage: In der US-Finanzmarktreform wurde auch beschlossen, dass sich Aufseher bei der Beurteilung von Banken künftig nicht mehr ausdrücklich auf Ratings beziehen sollen. In Europa gibt es ähnliche Vorstöße. Schlecht für Ihr Geschäft?

Sharma: Im Gegenteil. Wir plädieren schon lange dafür, dass unsere Ratings eben nicht von den Aufsehern als Kriterium für zum Beispiel die Eigenkapitalunterlegung der Banken herangezogen werden. Das haben wir auch schon ausdrücklich bei den unter dem Stichwort Basel II bekannten Eigenkapitalregeln der Banken gesagt.

Frage: Was stört Sie daran, wenn sich Aufseher auf S&P verlassen?

Sharma: Wir wollen nicht, dass unsere Ratings der alleinige Maßstab für Aufseher sind. Dann bekommen Ratings eine zu große Bedeutung. Ratings sind eine Meinung zu der Kreditwürdigkeit von Schuldnern, nicht mehr und nicht weniger.

Frage: An dieser Meinung gibt es aber zunehmend Zweifel ...

Sharma: Unser Ruf hat in der Tat gelitten. Aber das ist so nicht gerechtfertigt. Abgesehen von den Subprime-Verbriefungen, bei denen die Ausfälle sehr viel höher waren als erwartet, haben wir in den vergangenen 20 Jahren quer über alle Anlageklassen und Ratingkategorien in der absoluten Mehrheit die Ausfallwahrscheinlichkeiten treffsicher bewertet. Das haben wir jüngst in einer Studie erneut belegt.