Ein Riese schluckt den anderen: Der US-Computerchip-Konzern Intel hat den weltgrößten Hersteller von Software für IT-Sicherheit gekauft: den kalifornischen Konzern McAfee. Dass in Zeiten der anhaltenden Wirtschaftskrise, unter der vor allem die Konjunktur in den USA leidet, ein Unternehmen für den Kauf eines anderen rund 7,7 Milliarden Dollar hinlegt, hat die Branche zutiefst überrascht.

An der Wall Street reiben sich Investmentbanker und Börsianer allerdings die Hände. Die Milliardenübernahme schürt ihre Hoffnung auf eine wahre Welle an Übernahmen von Sicherheitssoftware-Anbietern. Die Branche ist in den Augen der Analysten derzeit als finanzkräftiger einzuschätzen als etwa der Industriesektor. Akteure des schnell wachsenden Segments wie der McAfee-Rivale Symantec und kleinere Anbieter wie Checkpoint Systems , Sourcefire , WebSense und SafeNet geraten so in den Fokus von Anlegern und Interessenten.  

Experten rechnen damit, dass Branchenriesen wie Oracle , Hewlett-Packard oder IBM den überraschenden Vorstoß des Konkurrenten Intel kontern werden. "Wir sind in einer frühen Phase der Konsolidierung im Software-Bereich, insbesondere bei Sicherheitsprogrammen", schätzt Analyst Daniel Ives von FBR Capital Markets. "Die Intel-Transaktion spricht für das Zusammenwachsen von Hardware und Software und das ist für die gesamte Industrie ein wichtiges Thema."

Im Bereich der Sicherheitstechnik, der für die IT-Branche immer wichtiger wird, richtet sich das Augenmerk nun vor allem auf Branchenprimus Symantec. Analysten haben schon den SAP-Rivalen Oracle als Kaufkandidaten ausgemacht. Der US-Softwarekonzern gab in den vergangenen sieben Jahren 42 Milliarden Dollar für den Kauf von rund 60 Firmen aus. "Oracle hat seine Angebotspalette fast komplett, aber verlässt sich beim Thema Sicherheit noch immer auf Drittanbieter", erklärt Richard Williams von Cross Research. "Dies lässt vermuten, dass Oracle sich irgendwann Symantec sichern könnte." Die Aktien der kalifornischen Symantec schossen zuletzt gut neun Prozent nach oben und trieben den Börsenwert auf zehn Milliarden Dollar.  

Grundsätzlich wollen die großen Technologieunternehmen ihren Kunden verstärkt komplette Systeme anbieten und geben dafür viel Geld aus. Erst kürzlich zahlte der Computerhersteller Dell für den Speicherspezialisten 3PAR 1,2 Milliarden Dollar. Der deutsche Softwareriese SAP ließ sich den US-Konkurrenten Sybase 5,8 Milliarden Dollar kosten und HP verleibte sich den Smartphone-Hersteller Palm für 1,2 Milliarden Dollar ein. Und auch Intel ist weiter auf Einkaufstour: Die Amerikaner sprechen Kreisen zufolge mit dem bayerischen Halbleiterkonzern Infineon über dessen Mobilfunkchipsparte.

Schon jetzt können sich Fusionsberater über mangelnde Provisionen nicht beklagen. Nach Daten des Finanzdienstleisters Thomson-Reuters wurden über alle Branchen hinweg allein in der laufenden Woche bisher Transaktionen im Wert von knapp 90 Milliarden Dollar angekündigt.

Für Intel ist der Kauf von McAfee die größte Übernahme der Firmengeschichte. Der Konzern zahlte den Anlegern des Anti-Viren-Spezialisten 48 Dollar pro Aktie – ein Aufschlag von 60 Prozent auf den Schlusskurs am vergangenen Mittwoch, kurz bevor der Deal bekannt wurde. Der Konzern will so seine Sicherheits-Sparte ausbauen und von dem steigenden Bedarf nach einem besseren Schutz für Laptops, Smartphones und die neuen Tablet-Computer profitieren. "Wenn wir unser Geschäft betrachten, sehen wir, dass für die Kunden Sicherheit das wichtigste Kaufkriterium ist", sagte Softwarespartenchefin Renee James. "Jedes Mal wenn wir einen Prozessor verkaufen, gibt es die Chance, die Sicherheitssoftware mit zu verkaufen", ergänzt Intel-Chef Paul Otellini, dessen Unternehmen rund 80 Prozent der weltweiten Prozessoren für PCs herstellt.