Wenn Larry Ellison eines versteht, dann ist es die große Show. Der Chef des Software-Konzerns Oracle treibt den Gerichtsprozess gegen den Erzfeind SAP in immer neue Absurditäten. Sein neuster Coup: Er soll Privatdetektive auf den ehemaligen SAP-Chef Léo Apotheker angesetzt haben, berichtet die Nachrichtenagentur Reuters. Ellison will ihn als Zeuge vor Gericht laden lassen. Die Vorladungen können Apotheker aber nicht zugestellt werden, weil er seit Wochen verschollen ist.

Das medienwirksame Theater der Milliardäre und Superegos hält das Silicon Valley seit Wochen in Atem. Schon bevor die Verhandlungen Anfang Oktober begonnen haben, ließ Ellison seine Absichten durchblicken: Der Oracle-Chef will den Prozess nutzen, um den Ruf des deutschen Konkurrenten zu zerstören - und den von Léo Apotheker gleich mit. Apotheker ist seit dem 1. November Chef des weltgrößten IT-Konzerns Hewlett-Packard (HP) - ebenfalls ein Oracle-Wettbewerber. Am selben Tag begannen die Gerichtsverhandlungen zwischen SAP und Oracle im kalifornischen Oakland.

Glaubt man Oracle, geht es um "Industriespionage" und Datenklau im großen Stil. SAP soll 2005 über die mittlerweile geschlossene US-Tochter Tomorrow Now Daten von Oracle entwendet haben. Die unrechtmäßig genutzten Software-Lizenzen haben laut Ellison einen Wert von vier Milliarden Dollar. SAP hat die Urheberrechtsverletzungen eingeräumt. Doch die Deutschen pochen darauf, dass der entstandene Schaden deutlich kleiner sei und Oracle seine Forderungen maßlos überziehe. Der Walldorfer Konzern hat bisher 160 Mio. Dollar für den Prozess zurückgelegt.

Den großen Auftritt hatte Ellison am Montag. Doch dieser fiel anders aus, als es viele erwartet hatten. Ellison wollte Beweise vorlegen, dass Léo Apotheker in seiner Zeit als SAP-Vorstand von dem Datenklau gewusst und ihn geduldet habe, hatte Ellison vor Prozessbeginn lautstark angekündigt. Doch der Läster-König des Silicon Valley gab sich überraschend zahm: keine verbalen Angriffe gegen SAP und Apotheker, keine Statements vor Journalisten, aber auch keine Beweise. Auch ein SAP-Sprecher räumte erleichtert ein, dass die Aussage von "Feind Nummer eins" nicht zu der vorangegangenen Hetzjagd passte.

Ellison konnte nicht einmal beweisen, dass er sich vor fünf Jahren ernsthaft Sorgen wegen der Tomorrow-Now-Übernahme gemacht oder den Verlust von einer großen Zahl von Kunden befürchtet habe. Auf die Frage von SAP-Anwalt Greg Lanier, ob er auch nur einen einzigen Beleg dafür habe, sei es auch nur "auf eine Serviette gekritzelt", entgegnete Ellison: "Ich habe mit Leuten darüber diskutiert, aber ich neige dazu, solche Dinge nicht aufzuschreiben."

Was in dem ganzen Rummel um Ellisons Ausfälle und Apothekers Verschwinden beinahe untergeht: Der Prozess könnte quasi als Abfallprodukt Auswirkungen auf die gesamte Softwarebranche haben - und sowohl SAP als auch Oracle helfen. Dann nämlich, wenn durch den Prozess die Hürden für Drittanbieter von Softwarewartung erhöht werden. Sie benötigen den Zugriff auf die Software-Codes; doch die könnten künftig zu teuer werden."Ein skurriler Prozess, bei dem im Grunde beide Parteien dasselbe Ziel haben könnten. Beide Unternehmen möchten gerne per Gericht klären lassen, wie man legal sein Wartungsgeschäft gegen missliebige Konkurrenz durch Dritte absichern kann", schüttelt Axel Susen von Susensoft den Kopf. Er handelt mit gebrauchten SAP-Lizenzen und kennt die Probleme, die es gibt, wenn seine Kunden SAP-Lizenzen in Betrieb nehmen und Wartungsverträge mit Fremdfirmen abschließen wollen. "Es geht darum, möglichst hohe Hürden aufzubauen."