Im Landratsamt der oberschwäbischen Stadt Ravensburg – Sitz der verschwiegenen Oberschwäbischen Elektrizitätswerke (OEW) – war schon seit einigen Tagen der Deal bekannt, den Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU) am Montag offiziell verkündete: Das Land Baden-Württemberg übernimmt den 45-prozentigen Anteil des Versorgers Electricité de France (EdF) am Energieerzeuger EnBW. Die Absicht des französischen Staatskonzerns, das gesamte Paket abzustoßen, wurde von den Oberschwaben ebenso mit Zufriedenheit aufgenommen wie die Ankündigung des Landes, die Aktien für 4,67 Milliarden Euro zu erwerben. "Wir begrüßen die Entscheidung", sagt der Ravensburger Landrat Kurt Widmaier (CDU), zugleich Verwaltungsratsvorsitzender der OEW. "Wir haben seit Jahren betont, dass die EnBW ein baden-württembergisches, kommunal geprägtes Unternehmen ist."

Innerhalb der Oberschwäbischen Elektrizitätswerke, wie die EdF bisher mit gut 45 Prozent an dem Karlsruher Unternehmen beteiligt, war die Nervosität seit Monaten spürbar. Praktisch mit dem Einstieg der Franzosen bei der EnBW vor zehn Jahren wurden Befürchtungen geäußert, die EdF würden früher oder später versuchen, die Aktienmehrheit zusammenzukaufen und die Kontrolle zu übernehmen. So warnte schon unter der Ägide des Ministerpräsidenten Erwin Teufel (CDU) die SPD-Landtagsfraktion vor dem "Ausverkauf des Energiestandorts Baden-Württemberg" und vor "Ablenkungsmanövern", die den Abbau von Arbeitsplätzen im Südwesten zum Ziel hätten. Als die EdF 2005 tatsächlich ihre Anteile aufstockte, zogen die OEW mit dem ausdrücklichen Wohlwollen der Landesregierung mit.

Jetzt, zum Ende des Jahres, wäre der Konsortialvertrag zwischen den OEW und der EdF ausgelaufen. In diesem Vertrag war ein Stillhalteabkommen enthalten. Wenige Prozent an der EnBW befinden sich nämlich im Streubesitz kommunaler Kleinaktionäre. Dass "niemand im Revier des anderen wildern" dürfe, dass die Parität der Kräfte eingehalten werden müsse, wie der Ravensburger Landrat Widmaier sagt, das galt nur noch fürs laufende Jahr. Doch bei welchem Kaufangebot wären die Kleinen anschließend vielleicht schwach geworden, in Zeiten, in denen Städte und Gemeinden fieberhaft nach Ersatz für wegbrechende Steuereinnahmen suchen? Kandidaten wie die Badische Energieaktionärsvereinigung, die 2,55 Prozent der EnBW-Aktien hält, galten stets als Kandidaten, denen der baden-württembergische Zusammenhalt am Ende egal sein könnte.

Nun steigen die Franzosen komplett aus. Ganz offensichtlich, weil ihnen die politischen Widerstände in Baden-Württemberg zu groß für ihre expansiven Pläne erscheinen. Gerüchteweise auch deshalb, weil ihnen das Vertrauen in die Unabhängigkeit des EnBW-Vorstandsvorsitzenden Hans-Peter Villis fehlt, der im Juli 2007 an die Unternehmensspitze berufen wurde. So wollen es jedenfalls Kenner aus der SPD-Landtagsfraktion wissen. Die Einführung der Brennelementesteuer könnte die Verkaufsentscheidung beschleunigt haben, wird ebenfalls gemutmaßt, doch zumindest der OEW-Verwaltungsratschef Widmaier hat seine Zweifel. "Ich kenne die Motivation der Franzosen nicht", sagt er. Doch es sei klar, dass die Großaktionäre von der EnBW-Unternehmensleitung verlangten, die schmelzenden Margen durch den Aufbau neuer Geschäftsfelder rasch zu kompensieren. Die OEW jedenfalls rechnen mit keinem nachhaltigen Einbruch des Geschäfts.

Die Expansion des misstrauisch beäugten französischen Großaktionärs ist vereitelt, ja der Konkurrent ist sogar aus dem Feld geschlagen. Doch die Frage, wie es mit dem drittgrößten deutschen Energieversorger weitergehen soll, ist nicht nachhaltig beantwortet. Mappus hat angekündigt, mittelfristig einen erheblichen Teil der über Kredite finanzierten Aktien an die Börse zu bringen. Er wolle aus der EnBW einen Dax-Konzern machen, ohne jedoch ins operative Geschäft einzugreifen, sagte der Stuttgarter Premier. Der Steuerzahler habe im Übrigen keinerlei Belastung zu tragen, die Zinskosten der Anleihe zum Aktienkauf würden durch Dividendenzahlungen der EnBW beglichen. Das klingt gut, zumal in Tagen, da in Baden-Württemberg der Landtagswahlkampf Fahrt aufgenommen hat und Umfragen der CDU einschneidende Stimmenverluste prognostizieren.

Stefan Mappus – Retter der EnBW: Diese Schlagzeile passt denn auch der SPD überhaupt nicht ins Konzept. "Was das Land macht, trägt alle Züge einer Notoperation", kontert Nils Schmid, der SPD-Spitzenkandidat zur Landtagswahl im März, gegenüber ZEIT ONLINE. Dass Mappus sich ins operative Geschäft nicht einmischen wolle, leuchtet Schmid nicht ein. "Er ist jetzt verantwortlich für die Unternehmensstrategie der EnBW. Er kann nicht nur sagen, er sei der Couponschneider." Anstatt das Energieunternehmen an die Börse zu bringen, soll es nach Schmids Vorstellung als "Partner der Stadtwerke" aufgestellt werden, als ein Gebilde, an dem sich Kommunen beteiligen könnten.

Die aufflammende Debatte illustriert grundlegende Bedenken, die in Fachkreisen schnell aufgekommen sind. Bis auf wenige versprengte Anteile gehören die EnBW nun komplett der öffentlichen Hand. Doch wer von den Anteilseignern kennt sich künftig eigentlich noch mit dem Energiegeschäft aus? Die Oberschwäbischen Elektrizitätswerke sind ein Zweckverbund von neun Landkreisen. Deren Behördenchefs haben andere Aufgaben und Fähigkeiten, als möglichst viel Geld mit der Energiegewinnung zu verdienen. Der einflussreiche Ravensburger Landrat Widmaier formuliert diese heimliche Sorge um die Zukunft selbst, indem er einräumt: "Wir waren zehn Jahre lang zum Zusammenraufen mit der EdF verdammt. Aber die Franzosen waren auch ein guter Ratgeber für uns."