Als Rüdiger Grube am Dienstagabend nach Nürnberg reiste, konnte sich der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bahn auf einen harmonischen Abend einstellen. 400 Gäste waren angekündigt, um das deutscheste aller Unternehmen zu ehren. Sogar die Bundeskanzlerin war gekommen und sprach die Festrede auf der Veranstaltung zum Jubiläumsjahr "175 Jahre Eisenbahn in Deutschland" im Nürnberger Verkehrsmuseum, denn in Nürnberg war am 7. Dezember 1835 mit dem Adler die erste Lokomotive in Deutschland gestartet.

Probleme mit Achsen des ICE? Defekte Klimaanlagen und kollabierende Fahrgäste? Proteste gegen den Bahnhofsumbau in Stuttgart? All die Widrigkeiten der vergangenen Monate schrumpften vor dem Hintergrund von 175 Jahren Eisenbahngeschichte zu Fußnoten - und Rüdiger Grube konnte zusammen mit seiner Kanzlerin auf ein Jahr zurückblicken, das beide auf eigentümliche Weise zusammengekettet hat und das im Rückblick gar nicht so schlecht gelaufen ist, zumindest für ihn.

Grube ist seit anderthalb Jahren Chef der Deutschen Bahn, doch erst in den jüngsten Monaten ist er wirklich im Amt angekommen - denn ein Bahn-Chef ist erst dann ein echter Bahn-Chef, wenn das Land seinen Namen kennt, wenn es weiß, wer daran schuld ist, dass der Zug zu spät kommt. Grube musste gar nicht warten, bis sein Unternehmen wie jedes Jahr vom Winter überrascht wurde. Bei ihm geschah es bereits mit den Protesten gegen den Bahnhofsumbau in Stuttgart, dass die Zeitungen in den Überschriften seinen Vornamen Rüdiger gegen "Bahn-Chef" eintauschten: Bahn-Chef Grube will Stuttgart 21!

Mittlerweile hat er diese öffentliche Rolle angenommen. "Anfangs habe ich meinen Mitarbeitern noch jeden Tag gesagt: Wir müssen doch mal aus den Schlagzeilen rauskommen. Es kann doch nicht sein, dass die Bahn jeden Tag Thema ist", sagt Grube. Doch dann hat er gelernt, dass sein neues Amt dem des Fußballbundestrainers gar nicht so unähnlich ist, dass sein ganzes Unternehmen eine einzige große Nachricht ist. Knapp 300 000 Beschäftigte, 33 Milliarden Euro Umsatz, knapp zwei Milliarden Bahnreisende im Jahr auf gut 34 000 Schienenkilometern und dann auch noch ein staatseigenes Unternehmen - beinahe jeder Deutsche hat mit der Deutschen Bahn zu tun und eine Meinung dazu. "Es gibt eine Million Bahn-Chefs hierzulande", beschrieb Grube dieses Phänomen Dienstagabend. Und inzwischen hält Grube es wie sein Vorgänger Hartmut Mehdorn, der sich zu nahezu jedem diskutierten Bahnthema äußerte.

Es ging damit los, dass Sanitäter vor wenigen Monaten ICE-Fahrgäste aus den Zügen trugen, weil die Klimaanlagen ausgefallen und die Waggons überhitzt waren. Die Berichte darüber schafften es auf die Titelseiten. Auch als Schaffner Kinder und Jugendliche, die ihre Fahrausweise vergessen hatten, vor die Tür setzten, war das nicht gut für das Image. Stets war Grube sogleich zur Stelle, zeigte sich betroffen und versprach Abhilfe.

Grube hat die Rolle des Bahn-Chefs zudem ausgebaut: Er gibt sich im Gegensatz zu seinem bisweilen wenig diplomatischen Vorgänger oftmals etwas bundespräsidentenhaft, so wie Horst Köhler, als er noch nicht aus der Verantwortung geflohen war. Er ist ein Bahn-Chef, den viele Menschen mögen, weil er weiß, wie man sich volksnah inszeniert, und dass die Leute das erwarten. Sein schneller Griff zur Visitenkarte kommt immer gut an.