Seit November vergangenen Jahres herrscht bei der Bank of America helle Aufregung. Wikileaks-Gründer Julian Assange hatte im US-Magazin Forbes angekündigt, Zehntausende Dokumente einer großen US-Bank zu veröffentlichen, die dadurch zu Fall gebracht werden könnte. Es gehe um ungeheuerliche Verstöße und unmoralische Praktiken – ein "Ökosystem der Korruption", verkündete er. Obwohl Assange keinen Namen nannte, zweifelte niemand daran, dass es sich bei der Bank um die Nummer eins im Land handelt: Die Bank of America, deren Aktien prompt massiv an Wert verloren.

Im Hauptquartier der Bank, in Charlotte im US-Bundesstaat North Carolina, wurde eilig ein Team mit etwa 15 Mitgliedern um den Risiko-Manager Bruce Thompson zusammengestellt, um nach möglichen Maulwürfen im Unternehmen zu suchen. Jeder verloren gegangene Computer wurde zurückverfolgt, Tausende Dokumente gesichtet. Eine externe Beratungsfirma sowie die Top-Anwaltskanzleien des Landes sollten mögliche rechtliche Folgen einer Enthüllung ausloten. Denn noch einen Skandal kann die Bank nicht gebrauchen.

Dass das Institut heute überhaupt groß genug ist, um interessant für eine mögliche Enthüllung zu sein, ist das Ergebnis von rund 3000 Zusammenschlüssen. Begonnen hatte das Kreditinstitut einst als kleine Regionalbank im Süden der USA. Durch aggressive Zukäufe im ganzen Land stieg sie innerhalb von zwei Jahrzehnten zum größten Geldinstitut der USA auf. Inzwischen überziehen rund 5900 der knallroten Filialen das Land. Vor rund vier Jahren, kurz nach den Milliardenübernahmen der Regionalbank Fleetboston und des Kreditkartenherausgebers MBNA, erwirtschaftete die Bank über 20 Milliarden Dollar Nettogewinn, der Börsenwert überstieg zum ersten Mal den des größten Konkurrenten Citigroup.

Doch an der Wall Street wurde die Bank, die ihren Hauptsitz bis heute in Charlotte hat, trotzdem als Provinzbank belächelt. Viele sahen in dem Institut, das vor allem im Privatkundengeschäft erfolgreich war, nur einen "langweiligen Riesen". Mit dieser Rolle wollte sich der damalige Vorstandsvorsitzende Kenneth Lewis nicht abgeben. 2008 sah er seine große Chance, im florierenden Immobiliengeschäft mitzumischen und das Image des Langweilers loszuwerden. Für 4,1 Milliarden Dollar übernahm die Bank of America Countrywide, den größten Immobilienfinanzierer des Landes. Die Bank kontrollierte so auf einen Schlag fast 20 Prozent des mehr als elf Billionen Dollar schweren Hypothekenmarktes. Niemand verteilte Kredite aggressiver als die New Yorker Firma.

Im September 2008, als am Horizont bereits die große Krise aufzog, setzte Lewis seinen aggressiven Expansionskurs fort. In den Tagen, in denen die Investmentbank Lehman Brothers zusammenbrach, kaufte er deren Konkurrenten Merrill Lynch. Mit dem 50-Milliarden-Deal stieg die Bank of America zu einem der großen Spieler im hochprofitablen Investmentbanking auf. "Merrill Lynch war eine der feinsten Adressen der Wall Street", sagt Anlageberater Don Hodges von Hodges Capital Management in Dallas. Die Aktionäre waren begeistert, Lewis wurde gefeiert, die Branche wählte ihn zum Banker des Jahres.

Von da an aber ging es fast nur noch bergab: Die Immobilienpreise rauschten in den Keller, Finanzpakete, die auf wackeligen Hypotheken basierten und in der Branche herumgereicht worden waren, implodierten und brachten die Wall Street ins Wanken. "Das Timing war miserabel", sagt Anthoni Polini von RBC Capital.