Als ich mit 57 meinen Job als Technischer Leiter einer großen Autohauskette verlor, stand ich vor dem Nichts. Das Autohaus war insolvent. Ich hatte entscheidend an der Abwicklung mitgewirkt, doch am Ende war auch ich dran. An das Arbeitsamt habe ich unangenehme Erinnerungen: In meinem Alter sei ich nur sehr schwer zu vermitteln, hieß es dort. Ich kam in eine Transfergesellschaft, machte sechs Wochen lang eine Fortbildung in einem Ingenieurbüro. Dort übernahm ich komplette Bauleitungen, aber ich hielt es nicht lange aus. Der Chef war ein Tyrann. Es musste etwas passieren.

Ich bin gelernter Automechaniker und Automobilkaufmann. Aber mit der Autobranche habe ich nach meiner Entlassung abgeschlossen. Ich besann mich auf das, was ich noch kann. Ich habe mein Leben lang gewerkelt, Häuser gebaut, renoviert und Gärten gestaltet. Ich machte mich schlau, fragte das Arbeitsamt, die Krankenkasse, die Hausbank und meine Steuerberaterin. Ich besuchte Gründerseminare der IHK. Als ich so weit war, kaufte ich Werkzeug für rund 5000 Euro und einen Anhänger. Fortan war ich auf mich allein gestellt: Rudolf Jürges, Service rund ums Haus. Das war 2005.

Ich mache Maler- und Lackiererarbeiten, Maurerarbeiten, Fassadenarbeiten, Fliesen legen, komplette Sanierungen. Vor den Arbeitsmarktreformen 2003 hätte ich mich so nicht selbstständig machen dürfen, weil ich für all das einen Meisterbrief gebraucht hätte. Ich vermute, dass die Reform bei vielen gelernten Handwerkern Unmut ausgelöst hat, weil sich plötzlich jeder ohne Ausbildung selbstständig machen durfte. Bei mir ist dieser Unmut aber nicht angekommen, Kritik habe ich von Kollegen keine gehört. Ohnehin gibt es kaum solche Allround-Handwerker wie mich.

Schon im ersten Jahr war ich durchaus erfolgreich. Meine Kunden schätzen, dass sie bei mir alles aus einer Hand bekommen und nicht mehrere Unternehmen beauftragen müssen. Ich saniere zum Beispiel ganze Bäder, mitsamt Wasseranschluss, Fliesen und Deckenverkleidung.

Ich besorge auch das Material. Und wenn ich mich an etwas nicht herantraue, kümmere ich mich um andere Handwerker, zum Beispiel einen Elektriker. Ich habe vielleicht zwei Zeitungsanzeigen geschaltet, alles andere lief über Mundpropaganda. In kurzer Zeit hatte ich Kunden von der luxemburgischen Grenze bis an die Mittelmosel. Bisher waren es rund 250. Viele beauftragen mich wieder, wenn sie einmal zufrieden waren.

Von meinem Einkommen konnte ich sofort gut leben. Ich zahlte mir ein festes Gehalt aus, etwa 3.000 Euro. Trotzdem blieb Ende 2006 sogar noch ein Jahresüberschuss von fast 29.000 Euro, nach Abzug aller Kosten und des Gehalts.

Ich habe immer noch großen Spaß an meinem Beruf, die Entscheidung damals war absolut richtig. Aber mit dem Alter kann ich nicht mehr alles machen. Zum Beispiel Fassadenarbeiten, für die ich ein Gerüst brauche. Deswegen ist mein Einkommen etwas geschrumpft, aber das ist auch nicht so schlimm. Ich habe 45 Jahre gearbeitet und möchte so langsam auch mal an mich denken. Vielleicht werde ich schon nächstes Jahr in den Ruhestand gehen. Wenn man es Ruhestand nennen kann: Denn zu Hause gibt es immer genug zu tun.