Das Rennen um den weltweiten Spitzenplatz im Börsengeschäft ist eröffnet: Rund sechs Wochen nach dem spektakulären Übernahmeplan der Deutschen Börse für die New Yorker NYSE Euronext hat die US-Börse Nasdaq OMX ein milliardenschweres Gegenangebot vorgelegt. Wie das Unternehmen in einer Pflichtmitteilung bekannt gab, hat sie dabei den Börsenbetreiber InterContinental Exchange (ICE) an seiner Seite.

Die beiden Aktienplattformen bieten den Aktionären der Stock Exchange 42,50 US-Dollar je Aktie – und übertrumpfen das Angebot der Deutschen Börse nach eigenen Angaben damit um 19 Prozent. Insgesamt macht die Offerte der beiden ein Volumen von 11,3 Milliarden Dollar aus.

Im Fall der Übernahme soll das Börsenunternehmen zerschlagen werden. Nasdaq will die Handelsplätze in New York, Paris, Brüssel, Amsterdam und Lissabon führen. Die auf den elektronischen Handel mit Optionen und Terminkontrakten vor allem für Rohstoffe spezialisierte ICE soll das Derivate-Geschäft der NYSE übernehmen.

Zur Stock Exchange gehört neben dem Stammhaus im Big Apple die Euronext, ein Zusammenschluss mehrerer europäischer Börsen, darunter Paris und Amsterdam. Außerdem gehört der Londoner Markt für Termingeschäfte, Liffe, dazu. Im Gegensatz zur NYSE mit ihrem traditionsreichen Parketthandel ist Nasdaq eine vergleichsweise junge, rein computerbasierte Börse mit einem starken Schwerpunkt bei Technologiewerten.

Sollten die US-Konkurrenten mit ihrem Vorstoß Erfolg haben, würde ein starker US-dominierter Börsenriese entstehen, wie er von vielen amerikanischen Politikern favorisiert wird. Im Gegenzug wäre dies ein schwerer Rückschlag für die Frankfurter Börsengesellschaft, die auf eine Reihe von gescheiterten Übernahmeversuchen in den vergangenen Jahren zurückblickt. 

Auch die Nasdaq hatte 2007 vergeblich versucht, die Londoner Börse LSE zu schlucken und sich stattdessen in der Zwischenzeit mit der schwedischen OMX ein europäisches Standbein zugelegt. ICE mit Sitz in Atlanta hat sich auf den Handel mit Rohstoffen unter anderem in den Sektoren Energie und Agrar spezialisiert. Die Deutsche Börse ihrerseits verfügt neben dem Aktiengeschäft mit der deutsch-schweizerischen Eurex über einen weltweit führenden Handelsplatz für Termingeschäfte.

Ersten Einschätzungen von Analysten zufolge hat die Deutsche Börse kaum eine Chance, das Angebot der US-Konkurrenz zu überbieten. "Ich kann mir schwer ausmalen, wie sie ihr Angebot entsprechend aufstocken können", sagte Karl Morris von Kefee Bruyette & Woods in London. "Eine Gegenofferte, die 19 Prozent über dem bisherigen Angebot liegt, wird sehr hart zu übertrumpfen sein", mutmaßt auch Harry Sebag, Chefhändler bei der Saxobank in Paris. Für Jörg Rahn, Chief Investment Officer bei Marcard Stein & Co., gibt es für die Deutschen im Grunde nur einen Ausweg: den Ausstieg aus dem Übernahmekampf. "Ja, sie hätten dann einen strategischen Nachteil, aber langfristig könnten sich im Zuge der Konsolidierung der Branche andere Optionen für die Deutsche Börse ergeben." 

Mitte Februar hatten Deutsche Börse und NYSE ankündigt, dass sie zusammengehen wollen – ein zweiter Anlauf nach den gescheiterten Verhandlungen von 2008. Die Aktionäre der nach Börsenwert gewichtigeren Frankfurter sollten 60 Prozent am neuen gemeinsamen Unternehmen halten. Schon kurz nach Bekanntwerden der Pläne hatten Gerüchte über mögliche Gegengebote die Runde gemacht. 

Das liegt nun vor – und die Aktie der Deutschen Börse stürzte ab: Sie verlor zwischenzeitlich 3,1 Prozent. Die Aktien von NYSE Euronext in Paris weiteten ihr Plus hingegen kräftig aus und legten rund 13 Prozent zu.