Ein Atomkraftwerk, das stillsteht, liefert nicht nur keinen Strom mehr. Es ist auch nicht mehr das, was ein deutscher Energiekonzern an ihm vor allem schätzt: eine Gelddruckmaschine. Rund eine Million Euro Gewinn wirft jedes abgeschriebene Atomkraftwerk in Deutschland pro Tag ab, lautet eine gängige Schätzung der Branche. Stimmt das, dürfte das dreimonatige Moratorium der Regierung für die Energiekonzerne teuer werden. Einige Medien berichteten vor wenigen Tagen auch sogleich, der "Altmeiler-Stopp" koste die vier deutschen AKW-Betreiber fast eine halbe Milliarde Euro. Dass RWE nun gegen den Beschluss klagt, liegt da nahe.

Allerdings ist die Geschichte von den Millioneneinbußen der Branche nicht ganz richtig. In Wahrheit kostet das Moratorium die Energiekonzerne fast gar nichts – zumindest langfristig nicht. Der Grund: Auch wenn der Öffentlichkeit ständig von Laufzeiten die Rede ist, werden die Meiler nicht an einem gewissen Stichtag abgeschaltet. Entscheidend ist die Menge an Strom, welche die AKWs noch produzieren dürfen. Neckarwestheim I bleibt etwa nach der Laufzeitverlängerung der schwarz-gelben Koalition noch rund 50 Milliarden Kilowattstunden, Biblis A rund 70 Milliarden Kilowattstunden.

Für das Moratorium heißt das: Die sieben Meiler mögen zwar für rund drei Monate vom Netz sein; Umsatz und Gewinn der Atomfirmen fallen kurzfristig geringer aus. Bleibt es jedoch bei der bisherigen Atompolitik der Regierung, werden sie nach dem Moratorium entsprechend länger laufen – und zwar so lange, bis die sogenannte Reststrommenge aufgebraucht ist. Die Gewinne, die mit den abgeschriebenen Meilern erwirtschaftet werden, verlagern sich einfach nur in die Zukunft. Unter dem Strich ist der wirtschaftliche Schaden der Konzerne gering.

Dass die Atomkraftbetreiber durch das Moratorium tatsächlich etwas Geld verlieren, liegt an anderen Dingen: Sie müssen zum Beispiel während des Moratoriums weiter Mitarbeiter beschäftigen, die nun weniger zu tun haben. Konzerne wie RWE haben außerdem schon Strommengen an Kunden verkauft, die sie jetzt nicht mehr selbst produzieren können. Solange ihre Meiler stillstehen, müssen sie den Strom teuer von Dritten kaufen. Dabei geht es aber eher um geringe Summen.

Hinzu kommt: RWE wollte Biblis A ohnehin in diesem Jahr einige Monate vom Netz nehmen, um die Sicherheit des Kraftwerks zu überprüfen. Entsprechend egal dürfte dem Konzern nun das Moratorium aus finanzieller Sicht sein. Ob der Reaktor in ein paar Monaten oder heute vom Netz geht, spielt keine Rolle.