ZEIT ONLINE: Herr Sonnleitner, seit zwei Wochen leiden Gemüsebauern unter der Ehec-Epidemie. Wie lange halten die Landwirte das noch aus?

Gerd Sonnleitner: Wir haben derzeit die Haupterntezeit und verlieren täglich rund die Hälfte des Gemüseumsatzes, der normalerweise zehn Millionen Euro beträgt. Das halten unsere Gemüsebauern nicht lange aus.

ZEIT ONLINE: Die EU-Kommission will europäischen Landwirten mit 210 Millionen Euro helfen. Ist das genug Geld?

Sonnleitner: Noch sind die Verbraucher ja verunsichert, da die eigentliche Ursache des Ehec-Ausbruchs noch nicht gefunden wurde. Deswegen hält der Konsumverzicht an. Bisher sind in Europa Verluste in Höhe von 500 Millionen Euro entstanden. Das zeigt die Dimension.

ZEIT ONLINE: Im Januar der Dioxinskandal, nun Ehec. Haben Sie Angst, dass die Bürger das Vertrauen in die deutsche Landwirtschaft verlieren? 

Sonnleitner: Die Ursachen sind verschieden. Beim Dioxinskandal war es ein krimineller Verursacher in der Lebensmittelkette. Da wurde sehr schnell die Quelle gefunden und über die Rückverfolgbarkeit die betroffenen Produkte entfernt. Die Verbraucher waren nicht gefährdet und haben sehr schnell wieder Vertrauen zu Eiern und Schweinefleisch gewonnen. Bei Ehec wissen wir derzeit noch nicht einmal, ob die Ursache überhaupt in der Landwirtschaft liegt.

ZEIT ONLINE: Seit dem Frühjahr diskutieren Umweltschützer, Landwirte und Verbraucherschützer auf Initiative der Landwirtschaftsministerin über eine "Charta" für die künftige Agrarpolitik. Ist Ilse Aigner auf dem richtigen Weg, die Bevölkerung an der Entscheidung über ihre Ziele zu beteiligen?

Sonnleitner: Wir haben jetzt eine Volksdemokratie. Da reden alle mit und am Ende entscheidet die Ministerin.

ZEIT ONLINE: Sie wirken nicht gerade euphorisch.

Sonnleitner: Ich verstehe unter Demokratie auch Führung und Entscheidungen im streitigen Diskurs. Schwankende Stimmungslagen und mediale Präsenz halte ich nur begrenzt als für politische Leitplanken geeignet. Eine Anhörung finde ich gut. Mich stört aber, wenn mehrheitlich diejenigen mitreden, die ökologische Wunschvorstellungen nicht mit ökonomischen und sozialen Realitäten abgleichen. Wir alle haben Träume. Doch Grundlage der Politik müssen Fakten bleiben – und Verantwortung für alle betroffenen Mitbürger.

ZEIT ONLINE: Was stört Sie?

Sonnleitner: An der heutigen modernen Landwirtschaft wird allzu häufig emotional und ohne eigenen Erfahrungshorizont Kritik geübt. Manche wollen, dass die Landwirtschaft so romantisch ist wie früher. Dabei war die Arbeit immer unglaublich hart, und die Tiere hatten es früher in ihren kleinen, nassen und dunklen Ställen wesentlich schlechter als heute. Zugleich wird oftmals übersehen, dass wir für unser sehr breites Lebensmittelangebot viel importieren. Wie aber in fernen Ländern produziert wird, das ist vielen Bürgern nicht bewusst. Unsere Ansprüche an die Lebensmittel wie auch an Natur-, Tier- und Verbraucherschutz müssen aber unteilbar sein. Ich habe nichts dagegen, im Umwelt- und Tierschutz voranzugehen. Aber dies muss auf den Märkten und im Wettbewerb berücksichtigt werden. Deshalb fordert der Bauernverband die gleichen Standards für Importe wie für einheimische Lebensmittel.