Acht Kernreaktoren stehen in Lubmin, seit 1990 sind sie stillgelegt. Wer sie besuchen will, muss sich auch heute noch in Schutzkleidung hüllen: Ein weißer Ganzkörperoverall bedeckt den Körper von Hals bis Fuß. Auf den Kopf wird eine Kappe gesetzt, über die Schuhe eine weitere Hülle gestreift. Hinzu kommt ein kleines Gerät, dass die Strahlenbelastung misst. Es muss korrekt platziert werden, in der Brusttasche über dem Herzen.

Einst sollten die Kernkraftwerke aus Lubmin die DDR mit Strom versorgen. Jeder Block brachte 440 Megawatt Leistung. 1973 ging der erste ans Netz, 1989 lief der fünfte im Probebetrieb. Drei weitere waren in Bau, dann fiel die Mauer. Die damalige Bundesregierung unter CDU-Kanzler Helmut Kohl beschloss, die Reaktoren stillzulegen. Es war der bis dato größte nukleare Entsorgungsfall: Rund 700.000 Tonnen strahlenden Schutts und Schrotts mussten abgebaut werden. Allein im Maschinenhaus – ein Kilometer lang – standen 16 Turbinen, jede vom Format eines Kleinlasters.

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In Lubmin kann man besichtigen, wie riesige Kernkraftwerke langsam zerlegt werden. In der Werkstatt stehen Scheideanlagen und Bandsägen, groß wie Bungalows. Techniker nehmen die Abfälle auseinander und befreien sie von strahlendem Material. Früher reparierten sie hier Kraftwerksteile, heute zerstören sie sie. Von den einst 5000 Mitarbeitern sind nur noch 800 übrig geblieben. Marlies Philipp zum Beispiel, heute die Pressesprecherin der Betreiberfirma Energiewerke Nord (EWN): Sie arbeitete früher in der Werkstofftechnik.

In der Werkstatt befindet sich auch ein Quader aus Edelstahl. Durch ein Fenster sieht man ins Innere, dort fliegen Funken. Ein Mann in orangefarbenem Overall und Schutzmaske trennt mit einem Brenner ein großes Rohr. Vier Meter ist es lang und hat den Durchmesser eines Rinderschädels. "Das muss später hier hineinpassen", sagt Marlies Philipp und zeigt auf eine große Gitterbox, die ungefähr so groß ist wie ein Fernsehsessel.

Durch elektrolytische Bäder, Schmirgeln mit Granulat oder Wasser werden die Abfälle dekontaminiert. Die Überprüfung in der Freimessanlage soll dann bestätigen, dass der Müll nicht mehr strahlt.

Horst Tampe ist der Meister der Werkstatt, er führt die Oberaufsicht. "Viele der Methoden, mit denen wir hier arbeiten, haben wir selbst entwickelt", erzählt er stolz. Er geht zu einem weiteren Metallquader. Drinnen entfernt ein Kollege durch einen Hochdruckwasserstrahl radioaktive Ablagerungen von zwei Metallplatten. "Den Schutzanzug trägt er nicht nur wegen der Strahlung, sondern auch wegen des Wasserdrucks", erklärt Tampe. Auf der anderen Seite des Quaders steht ein Fass, in dem sich Schlamm sammelt. "Das Abwasser wird gefiltert. Die strahlenden Partikel kommen hier hinein."

Tampe arbeitet seit 1973 im Kernkraftwerk. "Natürlich ist es schwer, zu zerstören, was man einst pflegte", sagt er. "Aber wer könnte das besser als wir, wir kennen die Anlagen wie kein anderer."