An der Puerta del Sol, im Herzen Madrids, packten die Demonstranten Mitte Juni ihre Zelte zusammen. Wochenlang hatten sie hier protestiert, für politische Reformen und gegen die Massenarbeitslosigkeit. Nur ein paar Hartgesottene blieben. Zur gleichen Zeit fanden einige Straßen weiter Vorstellungsgespräche statt. Eine deutsche Firma hatte acht spanische Bewerber eingeladen. Sie bot den Interessenten feste Verträge, soziale Sicherheiten, einen Lohn weit über dem derzeitigen spanischen Einstiegsgehalt – und einen Arbeitsplatz weit weg von der Heimat, im norddeutschen Bremen.

Für junge Spanier kann das ein attraktives Angebot sein. Die Arbeitslosigkeit der unter 25-Jährigen liegt in Spanien bei 44,4 Prozent, weit höher als in Deutschland. Bleiben sie zu Hause, werden sich ihre Aussichten in der Krise kurzfristig kaum verbessern. So hoffen nicht wenige Spanier auf einen gut bezahlten Job im europäischen Ausland. Deutschland hingegen will offene Arbeitsstellen in den nächsten Jahren vermehrt mit Fachkräften aus anderen europäischen Ländern besetzen. Bis zum Jahr 2025 könnten, laut Bundesagentur für Arbeit, durch eine gesteuerte Zuwanderung bis zu 800.000 Fachkräfte nach Deutschland kommen.

"Die berufliche Mobilität der Spanier wird zweifellos zunehmen", sagt Walther von Plettenberg, Geschäftsführer der Deutschen Handelskammer für Spanien (AHK) in Madrid. Bislang leben rund 80.000 Spanier in Deutschland. Darauf, dass noch mehr kommen mögen, hofft die Bremer abat AG, ein mittelständisches SAP-Beratungsunternehmen, spezialisiert auf die Branchen Automotive und Logistik.

Die Idee, spanische Bewerber zu rekrutieren, wurde aus der Not heraus geboren: Seit Monaten sucht das Unternehmen Fachkräfte. Weil diese so schwer zu finden sind, mussten schon Aufträge abgelehnt werden. Deshalb schlug abat-Berater Gonzalo Sierra Rodriguez seinem Arbeitgeber vor, sich doch einmal in Spanien umzuschauen. "Der Einfall kam mir spontan, kurz vor dem Beginn der Proteste", sagt er. "Ich kannte die Lage in meinem Heimatland und die meines Unternehmens. Die Lösung lag auf der Hand." 

Der diplomierte Physiker und seine deutsche Freundin sahen schon vor fünf Jahren beruflich keine Chancen mehr im Norden Spaniens. Sie gingen nach Deutschland. Nach einem halbjährigen Sprachkurs und einem viermonatigen Praktikum stieg Sierra Rodriguez dann als Junior-Berater in dem Unternehmen ein. "Heute ist der Arbeitsmarkt in Spanien noch angespannter als damals", sagt der 32-Jährige. "Viele Hochschulabsolventen finden keinen Job oder erhalten nur schlecht bezahlte Jahresverträge. Aber wer will für weniger als 1.000 Euro im Monat arbeiten?"

Die abat AG, die derzeit rund 200 Mitarbeiter beschäftigt, will expandieren. "Wir suchen derzeit etwa zwanzig neue Mitarbeiter", sagt Hinrich Meisterknecht, Vorstand und Mitgründer des Unternehmens, "doch wir konkurrieren mit den großen Unternehmen in unserer Branche, und denen geben die Bewerber oft den Vorzug." So stieß die Idee des spanischen Kollegen im Vorstand auf offene Ohren. Die Verantwortlichen von abat inserierten im Internet, und sie kontaktierten die Universidad de Cantabria, im Norden Spaniens, die ehemalige Lernstätte von Sierra Rodriguez.