Die Deutsche Bahn muss bei dem umstrittenen Bauprojekt Stuttgart 21 einen Rückschlag verkraften. Das Ingenieurbüro SMA aus der Schweiz wird das Gutachten zum Belastungstest für den geplanten Stuttgarter Hauptbahnhof nicht fristgerecht am kommenden Montag fertigstellen können, teilte die Bahn mit. Die Prüfer bräuchten zehn Tage mehr Zeit.

Das nun erst am 21. Juli fertige Gutachten soll Klarheit darüber bringen, ob sich das mehr als vier Milliarden Euro teure Bauvorhaben lohnt und ob im neuen unterirdischen Durchgangsbahnhof mehr Züge fahren können als im derzeitigen Kopfbahnhof. Erst nach Fertigstellung des Gutachtens will die Deutsche Bahn Bauaufträge in Millionenhöhe endgültig vergeben.

Doch spätestens Ende Juli muss die Entscheidung fallen, wer den Zuschlag für den Bau zweier Eisenbahntunnel im Volumen von rund 750 Millionen Euro bekommt. Andernfalls ist die europaweite Ausschreibung hinfällig; das Bauvorhaben würde sich um weitere 18 Monate verzögern.

Nach der Schlichtung im Streit um Stuttgart 21 ist der sogenannte Stresstest eine der entscheidenden Hürden für das Prestigevorhaben der Bahn. Gegner und Befürworter hatten sich vergangenen Herbst auf diesen Belastungstest geeinigt. Zu Spitzenverkehrszeiten sollen im neuen Bahnhof 30 Prozent mehr Züge rollen als im derzeitigen Bahnhof, hatte die Bahn versprochen. Projektgegner zweifeln daran, daher soll das Ingenieurbüro SMA die bahninterne Simulation des Fahrplans gutachterlich prüfen.

Gegner wollen die Ergebnisse noch selbst prüfen

Dafür brauche SMA mehr Zeit, sagte der Technik-Vorstand der Bahn, Volker Kefer. "Qualität geht vor Geschwindigkeit", erklärte er. SMA muss der Bahn eine gute Betriebsqualität bescheinigen, sonst sind die Baupläne hinfällig. "Wir haben uns mit den Projektgegnern geeinigt, dass das Ergebnis von SMA zählt", sagte der Manager. An die gutachterliche Stellungnahme und deren Empfehlungen müssten sich auch die Projektgegner halten, die die Ergebnisse des Stresstests nach der voraussichtlichen öffentlichen Bekanntgabe Ende Juli noch wochenlangen eigenen Prüfungen unterziehen wollen.

Der Konzern will zur Fristwahrung nun den unterlegenen Bietern zunächst in der kommenden Woche ab- und den Gewinnern der Ausschreibung erst am 31. Juli endgültig zusagen. Nach der wochenlangen Schlichtung unter Vorsitz des CDU-Politikers Heiner Geißler hatte die Bahn zugesagt, vor Ende des Stresstests keine unumkehrbaren baulichen Fakten bei dem umstrittenen Bauprojekt zu schaffen.

Offiziell haben die Bauarbeiten für Stuttgart 21 bereits Anfang 2010 begonnen, sind jedoch durch die Schlichtung, den jüngsten Regierungswechsel und die anhaltenden Proteste nicht entscheidend vorangekommen. Zudem fehlen der Bahn noch Genehmigungen. Auch die für Herbst von der neuen grün-roten Landesregierung geplante Volksabstimmung könnte das Projekt noch scheitern lassen.