Essen, Leverkusen, Stuttgart – wenn die Aufsichtsräte und Vorstände von Deutschlands Topunternehmen tagen, ist der Ort jedes Mal ein anderer. Die Personen, die sich gegenüber sitzen, sind dagegen in vielen Fällen dieselben und dürften sich mittlerweile gut kennen: Die Manager Paul Achleitner, Ekkehard Schulz und Manfred Schneider etwa treffen nicht nur bei RWE zusammen, sondern auch bei den Sitzungen von Bayer.

Schulz ist zusätzlich an ein weiteres Aufsichtsrat-Gespann angebunden, weil er bei MAN mit Ferdinand Piëch zusammenarbeitet, der wiederum zusammen mit seinen Spezis Berthold Huber und Martin Winterkorn in den Gremien von Porsche, VW und Audi auftritt.

Es ist nur ein Ausschnitt der Verflechtungen deutscher Spitzenmanager, aber er zeigt klar: "Um einige der größten Dax-Unternehmen herum gibt es einen sehr eng verknüpften Kern von Managern, dessen Dichte auch über die Jahre nicht abnimmt", sagt Thomas Lux, Professor für internationale Finanzmärkte an der Universität Kiel.

Wie Lux wenden immer mehr Wissenschaftler Methoden der Netzwerkanalyse auf ökonomische Verflechtungen an. Ihre Ergebnisse zeigen in einzigartiger Weise, wie sehr wirtschaftliche Macht auf einen kleinen, stabilen Kern von Akteuren verteilt ist. Das Phänomen betrifft nicht nur Aufsichtsräte, sondern auch einzelne, mächtige Unternehmen: Forscher aus Zürich brachten kürzlich ans Licht, dass weniger als 150 Konzerne erhebliche Teile der Unternehmenswelt kontrollieren – und lieferten damit ein gefundenes Fressen für Verschwörungstheoretiker, die kleine Eliten als Strippenzieher globaler Entwicklungen vermuten.

Der Kieler Forscher Lux kommt in seiner aktuellen Studie gemeinsam mit seinen Kollegen Mishael Milakovic und Simone Alfarano zu dem Schluss, dass der Kern des deutschen Manager-Netzwerks seit fast 20 Jahren stabil sei – und die mächtigsten Unternehmen im Land kontrolliert.

"Das ist erstaunlich, weil es dem Gesamttrend widerspricht", sagt der Ökonom. Denn insgesamt ist der Anteil von deutschen Aufsichtsratsvorsitzenden mit Mehrfachmandaten zwischen 1996 und 2006 von etwa 25 auf 15 Prozent zurückgegangen. In jüngerer Zeit setzt sich der Trend fort: Für 2008 fand Lux bei deutschen Großunternehmen noch 281 Manager mit mindestens zwei Posten, 2010 waren es nur noch 251. "Das Netzwerk wird insgesamt loser", sagt Lux.

Für Dax-Größen wie die Deutschen Bank, die Allianz oder die Pharma-Riesen scheint das jedoch nicht zu gelten. In den Spitzenpositionen finden sich weiterhin reihenweise Manager mit mindestens vier Posten. Die Verflechtung ist unabhängig davon, wer auf den jeweiligen Posten sitzt: Unter den 20 bestvernetzten Managern haben neun zwischen 2008 und 2010 gewechselt, doch die Verpflechtungsstruktur ist beinahe identisch geblieben.