Wohin mit dem Atomkraftwerk? – Seite 1

Am 6. August 2011 begann an den Vattenfall-Standorten Krümmel und Brunsbüttel ein neues Zeitalter. An diesem Tag trat das Atomgesetz in Kraft. Der Atomausstieg in Deutschland bis zum Jahr 2022 war besiegelt. Seitdem geht es in den beiden AKW nicht mehr darum, Strom zu erzeugen – es geht um Stilllegung. "Das ist eine große Umstellung für die Mitarbeiter, man muss komplett umdenken, andere Kompetenzen sind gefragt", sagt eine Vattenfall-Sprecherin.

Noch immer weiß Vattenfall nicht, was mit den beiden Kraftwerken geschehen soll. Der Pannen-Meiler Krümmel hätte noch einige Jahre laufen und dabei Millionen abwerfen können. Vattenfall klagt zurzeit gegen die Bundesrepublik Deutschland vor einem internationalen Schiedsgericht in Washington auf Schadensersatz. So lange stehen die Planungen für das Kraftwerk still.

Anders ist die Situation in Brunsbüttel. Das AKW ist seit mehr als drei Jahren nicht am Netz. "In Brunsbüttel planen wir aktiv den Rückbau", sagt die Sprecherin. Wie genau der allerdings aussehen wird, ist offen. Wird das AKW erst einmal nur eingemottet? Oder gleich komplett abgebaut? Bis Ende des Jahres will der Konzern eine Entscheidung treffen. Rund 1,9 Milliarden Euro an Rückstellungen hat er zur Seite gelegt.

Das Wort Grundlast bekommt eine neue Bedeutung

Den anderen drei AKW-Konzernen in Deutschland geht es nicht anders. Wie sie ihre Kernkraftwerke stilllegen werden, hat bislang kaum ein Unternehmen konkret entschieden. Das Wort Grundlast bekommt so eine ganz neue Bedeutung: Die acht abgeschalteten Meiler werden zu milliardenschweren Großbaustellen für die Versorger.

Der RWE-Meiler Biblis mit seinen Blöcken A und B befindet sich zurzeit in der "Nicht-Leistungsbetriebsphase". Bis Mitte des Jahres will RWE über sein Schicksal entscheiden. Ähnlich ist die Situation bei den E.on Kraftwerken Isar 1 und Unterweser und bei den zwei EnBW-Meilern Philippsburg und Neckarwestheim.

Nach dem Gesetz haben die Unternehmen zwei Optionen. Sie können den  sogenannten sicheren Einschluss wählen und die Anlage für Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, sicher einpacken. Oder sie beginnen gleich mit dem kompletten Rückbau, an dem am Ende im besten Fall die grüne Wiese steht. Mindestens zehn Jahre dauert diese Variante, schätzen Fachleute.

Große Erfahrungen haben die Stromkonzerne bislang kaum mit dem Abbau ihrer Meiler. 16 Kernkraftwerke befinden sich laut Bundesamt für Strahlenschutz  zurzeit im Rückbau. Doch das sind vor allem Forschungsmeiler und kleinere Anlagen. Hier auf Erfahrungen zurückzugreifen, fällt schwer: zu unterschiedlich sind die Anlagentypen, die Leistungen und das Alter der Meiler.

 Der Rückbau eines Kernkraftwerks ist extrem komplex

Wie komplex der Rückbau eines AKWs ist, zeigt sich in Stade. Dort baut E.on zurzeit das AKW zurück, das 2003 vom Netz ging. Mit einem enormen technischen Aufwand zerlegen Roboter den Reaktordruckbehälter, das Herzstück des Kraftwerks. Mehr als 250 Tonnen Stahl müssen hierfür in 273 Einzelteile zersägt werden. Anschließend werden sie in mehr als 100 Behälter und Container verpackt. Der ganze Vorgang war E.on sogar eine Pressemitteilung wert.

So weit ist EnBW in Obrigheim noch nicht. Der Konzern baut hier das AKW zurück, das vor sieben Jahren vom Netz ging. Der sogenannte nicht-nukleare Teil ist bereits weg, das Maschinenhaus steht inzwischen leer. Seit kurzem hat das Landesumweltministerium die Abbaugenehmigung für den nächsten Abschnitt erteilt, für Dampferzeuger und Kühlpumpen. Für den heikelsten Bereich, den Reaktorkern, benötigt EnBW noch eine weitere Erlaubnis der Aufsichtsbehörden.

Die Endlagerfrage ist Teil des Problems

Im niedersächsischen Lingen hat RWE hingegen für den Meiler den sicheren Einschluss gewählt. Seit 1988 ist das 240 Megawatt-Kraftwerk sicher verpackt – viel mehr ist in den vergangenen Jahrzehnten nicht passiert. Das Beispiel zeigt, wie das Thema Endlagerung auch die Entscheidung zum Rückbau beeinflusst. Weil die Endlagerfrage für den radioaktiven Müll damals – wie heute – ungeklärt war, verschob RWE den Rückbau. Erst als das Bundesverwaltungsgericht 2007 Schacht Konrad de facto als erstes Endlager für schwach- und mittelradioaktiven Müll genehmigte, beantragte RWE den Abriss.

Es ist ein Mix aus betriebswirtschaftlichen und technischen Argumenten, welche Variante die Atomkonzerne wählen werden. Das vorläufige Einmotten hat den Vorteil, dass Komponenten, die radioaktiv belastet sind, erst einmal abklingen können und die hohen Kosten des Rückbaus erst in einigen Jahrzehnten anfallen. Gerade letzterer Punkt macht allerdings die Kostenkalkulation schwer: Wer konnte etwa in Lingen 1988 schon sagen, wie hoch die Rückbaukosten im Jahr 2013 sein werden?

Michael Sailer, Vorsitzender der Entsorgungskommission und Berater von Bundesumweltminister Röttgen , rät den Energiekonzernen daher zum direkten Rückbau. "Dann kann man das Wissen der Mitarbeiter nutzen, die den Meiler bis ins Detail kennen", sagt er. "Beim sicheren Einschluss ist man komplett auf Aufzeichnungen angewiesen, da verliert man schnell den Überblick."

Wie teuer die Rückbauten für die Stromkonzerne werden, darüber gibt es wilde Spekulationen. Sie starten in der Regel im dreistelligen Millionenbereich und gehen bis zu einer Milliarde Euro oder mehr. Eine Studie von Arthur D. Little schätzte vergangenen Herbst die Kosten für den Rückbau aller 17 deutschen Meiler auf mindestens 18 Milliarden Euro.

 Die Rückstellungen müssen auch für den Bau eines Endlagers reichen

Insgesamt haben die vier Konzerne rund 30 Milliarden Euro an Rückstellungen zurückgelegt. Zumindest bis zum Stichtag Ende 2010. Neuere Zahlen sind noch nicht erhältlich, die Summe dürfte sich durch den Atomausstieg allerdings erhöht haben. Aus den Rückstellungen muss nicht nur der Rückbau, sondern auch der Bau eines Endlagers finanziert werden.

Streng geheim ist dabei, wie sich die Rückstellungen der Konzerne auf die einzelnen Meiler verteilen. Diese Intransparenz kritisierte bereits der Bundesrechnungshof vergangenes Jahr und warnte vor Fehlkalkulationen: Würden die Rückstellungen zu niedrig ausfallen, "reichen zum Zeitpunkt der Stilllegung die Vermögenswerte für Rückbau und Endlagerung möglicherweise nicht aus. Der Bund müsste dann als Ausfallbürge für die nicht gedeckten Kosten aufkommen." Im Klartext heißt das: Der Steuerzahler wird zahlen müssen.

In der Vergangenheit, als der Atomausstieg noch in weiter Ferne lag, waren die Rückstellungen für die Unternehmen ein lukratives Geschäft. Sie können sie fast als eine Art Eigenkapital zur Finanzierung anderer Geschäfte einsetzen. Auch die Kapitalerträge sind frei verwendbar. Zudem mindern die Rückstellungen den Gewinn – und damit die Steuerschuld der Stromkonzerne. "Die AKW-Betreiber genießen durch die Rückstellungen massive finanzielle Vorteile gegenüber anderen Stromversorgern", sagt Bettina Meyer vom Forum Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft.

"Die Rückstellungen reichen aus", beruhigen die Energieversorger unisono. Ob das tatsächlich so sein wird, ist kaum abzuschätzen. Der Rückbau ist ein Großprojekt, Kostenüberschreitungen im zweistelligen Prozentbereich sind nicht selten. Atomexperte Sailer ist eher pessimistisch. Am Ende könnte es gar sein, dass die Muttergesellschaften, also etwa der schwedische Vattenfall-Konzern, einspringen muss, wenn das Geld der deutschen AKW-Betreibergesellschaft nicht ausreicht.

Bei Vattenfall winkt man ab. Das sei doch äußerst unwahrscheinlich.