Wie komplex der Rückbau eines AKWs ist, zeigt sich in Stade. Dort baut E.on zurzeit das AKW zurück, das 2003 vom Netz ging. Mit einem enormen technischen Aufwand zerlegen Roboter den Reaktordruckbehälter, das Herzstück des Kraftwerks. Mehr als 250 Tonnen Stahl müssen hierfür in 273 Einzelteile zersägt werden. Anschließend werden sie in mehr als 100 Behälter und Container verpackt. Der ganze Vorgang war E.on sogar eine Pressemitteilung wert.

So weit ist EnBW in Obrigheim noch nicht. Der Konzern baut hier das AKW zurück, das vor sieben Jahren vom Netz ging. Der sogenannte nicht-nukleare Teil ist bereits weg, das Maschinenhaus steht inzwischen leer. Seit kurzem hat das Landesumweltministerium die Abbaugenehmigung für den nächsten Abschnitt erteilt, für Dampferzeuger und Kühlpumpen. Für den heikelsten Bereich, den Reaktorkern, benötigt EnBW noch eine weitere Erlaubnis der Aufsichtsbehörden.

Die Endlagerfrage ist Teil des Problems

Im niedersächsischen Lingen hat RWE hingegen für den Meiler den sicheren Einschluss gewählt. Seit 1988 ist das 240 Megawatt-Kraftwerk sicher verpackt – viel mehr ist in den vergangenen Jahrzehnten nicht passiert. Das Beispiel zeigt, wie das Thema Endlagerung auch die Entscheidung zum Rückbau beeinflusst. Weil die Endlagerfrage für den radioaktiven Müll damals – wie heute – ungeklärt war, verschob RWE den Rückbau. Erst als das Bundesverwaltungsgericht 2007 Schacht Konrad de facto als erstes Endlager für schwach- und mittelradioaktiven Müll genehmigte, beantragte RWE den Abriss.

Es ist ein Mix aus betriebswirtschaftlichen und technischen Argumenten, welche Variante die Atomkonzerne wählen werden. Das vorläufige Einmotten hat den Vorteil, dass Komponenten, die radioaktiv belastet sind, erst einmal abklingen können und die hohen Kosten des Rückbaus erst in einigen Jahrzehnten anfallen. Gerade letzterer Punkt macht allerdings die Kostenkalkulation schwer: Wer konnte etwa in Lingen 1988 schon sagen, wie hoch die Rückbaukosten im Jahr 2013 sein werden?

Michael Sailer, Vorsitzender der Entsorgungskommission und Berater von Bundesumweltminister Röttgen , rät den Energiekonzernen daher zum direkten Rückbau. "Dann kann man das Wissen der Mitarbeiter nutzen, die den Meiler bis ins Detail kennen", sagt er. "Beim sicheren Einschluss ist man komplett auf Aufzeichnungen angewiesen, da verliert man schnell den Überblick."

Wie teuer die Rückbauten für die Stromkonzerne werden, darüber gibt es wilde Spekulationen. Sie starten in der Regel im dreistelligen Millionenbereich und gehen bis zu einer Milliarde Euro oder mehr. Eine Studie von Arthur D. Little schätzte vergangenen Herbst die Kosten für den Rückbau aller 17 deutschen Meiler auf mindestens 18 Milliarden Euro.