In einem Mammutprozess um den Tod Tausender italienischer Arbeiter in Folge von Asbest-Vergiftungen sind in Turin hohe Haftstrafen verhängt worden. Das Gericht verurteilte den früheren Eigentümer der Schweizer Asbest-Herstellerfirma Eternit und einen Ex-Manager von Eternit Italien in erster Instanz zu jeweils 16 Jahren Gefängnis. Staatsanwalt Raffaele Guariniello sprach von einem "historischen Prozess, dem weltweit größten in der Geschichte der Arbeitssicherheit".

Die Beklagten, der Schweizer Milliardär und Unternehmer Stephan Schmidheiny und sein belgischer Geschäftspartner Baron Louis de Cartier, waren bei der Verkündung des Urteils nicht anwesend. Sie waren eines "vorsätzlichen Desasters" angeklagt. Die Verteidigung hatte eine direkte Verantwortung ihrer Mandanten für die Todesfälle zurückgewiesen und Freispruch verlangt. Sie sprachen von schwerwiegenden Verfahrensmängeln und kündigten Berufung an.

Nach Überzeugung des Gerichts verursachten die Angeklagten eine Umweltkatastrophe und missachteten Sicherheitsregeln in den seinerzeit vier italienischen Eternit-Fabriken. Damit seien sie für den Tod von etwa 3.000 Menschen in Italien verantwortlich. Die Staatsanwaltschaft hatte 20 Jahre Gefängnis und Schadenersatz in Millionenhöhe gefordert. Etwa 1.500 Angehörige von Opfern, Überlebende und Unterstützer verfolgten die Urteilsverkündung in der norditalienischen Industriestadt.

Schmidheiny hatte den Betroffenen und der Kommune Casale Monferrato, Sitz einer Eternit-Produktionsstätte, eine Entschädigung angeboten, die jedoch abgelehnt wurde. Allein in Casale sollen 1.800 Menschen an Asbest-Vergiftungen gestorben sein und jährlich 50 neue Fälle hinzukommen. Insgesamt hatten etwa 6.000 frühere Angestellte, Anwohner und Angehörige von Opfern auf Schadenersatz geklagt.

Der Prozess in Turin hatte nach mehr als fünfjährigen Ermittlungen im Dezember 2009 begonnen, die beiden Angeklagten waren an keinem der Prozesstage anwesend. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft handelt es sich um den größten Prozess, der jemals in der Auseinandersetzung mit der einst vermeintlichen Wunderfaser Asbest geführt wurde. Die italienische Niederlassung von Eternit hatte 1986 Konkurs angemeldet – sechs Jahre, bevor Asbest in Italien verboten wurde.

Wegen seiner hohen Hitzebeständigkeit und guten Isolationseigenschaften wurde vor allem Asbestzement lange in der Bauindustrie eingesetzt. Seit die großen Gesundheitsgefahren nachgewiesen sind, ist Asbest in der EU verboten.