Mit Schweiß kennt sich Dieter Gruber aus. Rein beruflich, natürlich; spätestens seit er weiß, dass die Menschen in Chennai, einer Stadt im Südosten von Indien , ihr Essen gern mit einem ganz besonderen Curry würzen. Das beeinflusst ihre Schweißdrüsen zwar kaum merklich, aber doch so nachhaltig, dass ihre Mobiltelefone ihnen in der Hand verrosten.

Das geht gar nicht, findet Gruber.

Genau genommen rosten die Geräte zwar ja nicht, jedenfalls nicht so richtig. Aber dass Schweiß auf der Handfläche die empfindliche Oberfläche eines Mobiltelefons angreift, das stimme schon, sagt Gruber. Wenn ein Handy in der Gegend von Chennai benutzt wird, sieht man es ihm früher oder später an. Grubers Arbeitgeber möchte das nicht. Deswegen fährt Gruber jeden Morgen hoch auf den Eselsberg. Der Eselsberg liegt am Rand von Ulm , am Fuße der Schwäbischen Alb. Hier betreibt der finnische Handykonzern Nokia ein Forschungs- und Entwicklungszentrum.

Oben am Berg liegt noch Schnee, in der Lise-Meitner-Straße reihen sich Autos vor etlichen mehrstöckigen Gebäuden. Was wie eine Ansammlung von Grundschulen aussieht, ist in Wahrheit ein Hochleistungs-Denkpark. Außer Nokia lassen hier auch viele andere Unternehmen die Zukunft erforschen, Daimler zum Beispiel. Bis zur nahen Universität sind es nur ein paar Minuten zu Fuß.

In Ulm testen sie Handys für Delhi oder Accra

In Ulm lässt Nokia all jene neuen Handymodelle testen, die später in Schwellen- und Entwicklungsländern verkauft werden. Und das sind überraschend viele. Obwohl Nokia hierzulande oft als Krisenkonzern mit Absatzproblemen wahrgenommen wird, sind die Einsteigermodelle der Finnen noch immer erste Wahl für viele Millionen ärmerer Menschen in China , Indien und Afrika . Im brasilianischen São Paulo hat Nokia vor wenigen Wochen das 1,5 milliardste Einfachhandy verkauft. Schön für Ulm.

Nokia hat in den vergangenen Jahren vor allem mit Stellenstreichungen Schlagzeilen produziert. Im Jahr 2008 machten die Finnen ihre Handyfabrik in Bochum dicht, weil die Löhne dort höher waren als im Ausland. Um die 2.000 Arbeitsplätze fielen weg. Die Ulmer Jobs bleiben, trotz der vergleichsweise hohen Gehälter – und sie werden sogar mehr. "Im vergangenen Jahr haben wir hier stetig eingestellt und sind nun bei über 650 Mitarbeitern am Standort Ulm, was einem Wachstum von etwa 25 Prozent entspricht", sagt Geschäftsführer Bültmann stolz. Dann fügt er an: "Damit wird deutlich, wie wir in der Transformation klar in Forschung und Entwicklung in Deutschland investieren."

Nokia investiert besonders viel in Forschung

Transformation sagen sie bei Nokia, wenn sie über ihren Weg aus der Krise sprechen; das klingt nicht so hart. Und tatsächlich sparen die Finnen nicht nur. Einem Bericht der Europäischen Kommission zufolge investierte 2010 lediglich ein europäisches Unternehmen mehr Geld in Forschung und Entwicklung als Nokia – das war Volkswagen. Alle anderen hat der Konzern aus Espoo überholt. Davon profitiert auch Ulm.

Gruber nimmt die Haupttreppe ins Kellergeschoss und öffnet eine schwere Glastür, auf der ein Zettel mit der Aufschrift klebt, dass man von jetzt an bitte nicht mehr fotografieren soll. Ein langer Gang schließt sich an, leuchtstoffröhrenhell und mit offenen Türen zu beiden Seiten. Besucher sind selten auf dem Eselsberg, erst recht hier unten im Keller, wo normalerweise kein Fremder etwas zu suchen hat. Zu heikel wäre das, hier liegen Prototypen herum, die möglicherweise eines Tages in den Handyläden von Delhi , Jakarta oder Accra zu kaufen sein werden.

Vielleicht aber auch nie. Das hängt davon ab, ob sie die Tests bestehen.