Verschleppt, versäumt, verzögert – Seite 1

Selbst in der Atomszene gibt es Firmen, die vom Atomausstieg profitieren. Die Gesellschaft für Nuklear-Service (GNS) ist eine davon. GNS ist Deutschlands einziger Hersteller von Castor-Behältern – und kann sich vor Nachfragen zurzeit kaum retten. Denn bevor die Atomkonzerne mit dem Rückbau beginnen können, müssen sie die Brennstäbe abbauen und sicher in Castoren einlagern. Vorher darf keine Abrissbirne anrücken.

Das Problem ist nur: Im Moment kann die GNS die heiß begehrten Castoren gar nicht liefern; zumindest den einen Typ, der gerade dringend benötigt wird. Für ihn braucht die GNS noch die Zulassung einer Behörde, die sicherlich in diesem Jahr nicht mehr kommt. Mit dem Atomausstieg werden die Castoren knapp – so knapp, dass die Atomkonzerne teilweise aushandeln, wer besonders dringend einen Behälter braucht, und wer noch warten kann. Allein Vattenfall fehlen nach Informationen des Justizministeriums im AKW Brunsbüttel so viele Castoren, dass erst einmal nur zehn Prozent des Reaktorkerns ausgelagert werden kann. Mindestens 465 Brennelemente müssen vorerst im AKW verbleiben. Solange sie im Reaktordruckbehälter sind, darf der Rückbau nicht beginnen.

Der Engpass wird sich nicht so schnell auflösen. Die Branche denkt in der Regel in Jahren, wenn nicht Jahrzehnten. Bestellt ein Versorger  einen Behälter bei der GNS, dauert es mehr als zwei Jahre, bis die GNS ihn ausliefert und der Castor befüllt werden kann. Einfach die Produktionskapazitäten kurzfristig auszubauen ist für die GNS auch keine Option. Schließlich ist das Business mit Castoren zumindest in Deutschland nur noch ein zeitlich befristetes.

Heckmeck um Castoren

Die Branche habe den Engpass teilweise selbst zu verantworten, sagt Wolfgang Neumann. "Die Zulassung der neuen Behälter hätte man schon früher anstreben müssen", so der Sachverständige vom Umweltberatungsunternehmen intac aus Hannover , das unter anderem Studien für die Grünen erstellt. Seit 1996 sei bekannt gewesen, dass der Castortyp laut Internationaler Atomenergieagentur eine neue Zulassung benötige. Spätestens 2002 mit dem Atomausstieg unter Rot-Grün hätte man das Zulassungsverfahren mit mehr Nachdruck betreiben und entsprechend die Behälterfertigung vorbereiten sollen. "Das hat die GNS einfach versäumt." Die GNS gehört übrigens den vier deutschen Atomkonzernen.

Das Heckmeck um den Castor-Engpass zeigt, wie überrumpelt die Konzerne von dem parteiübergreifenden Beschluss zum wohl endgültigen Atomausstieg im vergangenen Jahr waren, und durch welche Probleme sich der Atomausstieg noch verzögern kann . Jetzt zeigen sich die Schwierigkeiten im Detail, egal, ob es um ausreichendes Fachpersonal geht oder um Castor-Behälter.

Oder um Endlager-Kapazitäten. Denn irgendwo müssen die radioaktiven Materialien – egal, ob Brennelemente, Mauerreste oder Handschuhe – entsorgt werden. Für den schwach-und mittelradioaktiven Stoff soll in einigen Jahren der Schacht Konrad in Niedersachsen in Betrieb gehen. Für hochradioaktives Material wie Brennelemente erarbeiten Bund und Länder gerade ein Gesetz, um ein Endlager und eventuell eine Alternative zu Gorleben zu finden.

Anfang der Woche überraschte allerdings Ralf Güldner, Präsident des Deutschen Atomforums und Chef der E.on-Atomsparte, mit einer neuen Einschätzung: In der Süddeutschen Zeitung warnte er vor Verzögerungen beim Rückbau der Kernkraftwerke. "Eigentlich sollte Konrad 2015 schon bereit sein. Jetzt rechnen wir damit nicht vor 2019", klagte Güldner. "Das kann den Rückbau um Jahre verzögern und zurückwerfen."

Die Klage der Versorger könnte im Streit eine Rolle spielen

Fachleute halten das für ausgewiesenen Quatsch. Schließlich soll Schacht Konrad nur schwach-und mittelradioaktiven Müll aufnehmen. Der fällt aber erst an, wenn die Atomkraftwerke, wie es im Fachjargon heißt, brennstofffrei sind. Um dieses Stadium zu erreichen, müssen die Brennelemente erst einmal für etwa fünf Jahre im Abklingbecken eingelagert werden.

Zudem brauchen die Betreiber eine Stilllegungsgenehmigung. Doch bislang haben die Atomkonzerne noch keine einzige Genehmigung beantragt. Es kann Monate dauern, bis ein solcher Antrag bearbeitet ist. Zudem muss der anfallende Atommüll aufwändig in Castoren verpackt werden – bei denen es die Lieferengpässe gibt. Bis die AKW-Betreiber diese Aufgaben gestemmt haben, gehen also noch einige Jahre ins Land – und bis dahin wird wohl auch Schacht Konrad fertig sein. Zurzeit ist das für 2019 geplant.

Beim Bundesamt für Strahlenschutz, welches das Endlager betreibt, findet man denn auch klare Worte für Atomforum-Präsident Güldner: Ein Zusammenhang zwischen der Fertigstellung von Schacht Konrad und dem Rückbau der AKWs sei "nicht nachvollziehbar".

Spielen die Konzerne auf Zeit?

Die Grünen-Atomexpertin Sylvia Kotting-Uhl vermutet ganz andere Beweggründe, warum die Atomkonzerne den Rückbau so zögerlich angehen. Schließlich klagen RWE und E.on vor dem Bundesverfassungsgericht gegen die Novelle des Atomgesetzes, das den Atomausstieg festzurrte. Auch Vattenfall behält sich eine Verfassungsklage vor, Millionen Euro, wenn nicht sogar mehr stehen für das Unternehmen auf dem Spiel. Zurzeit versucht sich der Konzern außergerichtlich mit der Bundesregierung zu einigen, um eine "faire Kompensation für den entstandenen finanziellen Schaden" zu erhalten. Klappt das nicht, will Vattenfall vor ein internationales Schiedsgericht ziehen.

Wäre die Verfassungsklage von E.on und RWE erfolgreich, bekämen die beiden Konzerne möglicherweise einen millionenschweren Schadensersatz wegen entgangener Einnahmen. Frühestens 2013 wird ein Urteil aus Karlsruhe erwartet. "E.on will angesichts der Klage gegen den Ausstieg vermutlich den Eindruck vermeiden, man könne die abgeschalteten Altmeiler nicht ohne Weiteres wieder anfahren", so Kotting-Uhl.

Das hieße im Klartext: Wer mit dem Rückbau anfängt, der akzeptiert den Ausstieg. Und rechnet sich vielleicht schlechtere Chancen in Karlsruhe aus. Für Kotting-Uhl ist es eine gefährliche Taktik, den Rückbau deshalb zu verzögern: "Solange die Brennelemente nicht in Castor-Behältern ausgelagert sind, bestehen weiterhin erhebliche Sicherheitsrisiken und ist an Rückbau nicht zu denken."