Bei der  Hauptversammlung an diesem Donnerstag kann Ferdinand Piëch von Aktionären und Mitkontrolleuren ein paar Geschenke entgegennehmen, die ihresgleichen suchen: Seine zwanzig Jahre jüngere Ehefrau und Erbwahrerin Ursula Piëch zieht in den VW-Aufsichtsrat ein, eine einmalige Konstellation in einem Dax-Konzern. Die Porsches und Piëchs besetzen damit fünf von zehn Plätzen auf der Anteilseignerbank. Piëchs Vertrag als Aufsichtsratschef wird um weitere fünf Jahre verlängert, und obendrein bekommt der Motorradfan auch noch den italienischen Motorradbauer Ducati ins Portefeuille – für eine knappe Milliarde Euro. Das macht den komplexen Konzern noch unübersichtlicher.

Für alle Verfechter des Deutschen Corporate Governance Kodex (DCGK), also der Regeln der guten Unternehmensführung, sind die jüngsten Vorgänge bei VW, die den Großkonzern immer mehr zu einem Familienunternehmen machen, ein Graus. Da schreiben die Wolfsburger noch treuherzig im Geschäftsbericht 2011 von der Regel, dass kein Aufsichtsrat zur Wahl vorgeschlagen werde, der das 70. Lebensjahr vollendet habe, und verlängern zugleich das Mandat des 75-Jährigen. Und das, obwohl das Oberlandesgericht Stuttgart Piëch in seiner Funktion als Aufsichtsrat der Porsche SE jüngst attestierte, dass er bei der Kontrolle der Optionsgeschäfte der damaligen Führung unter Wendelin Wiedeking "Kardinalpflichten als Mitglied des Aufsichtsrats" verletzt habe. Über die Porsche SE kontrollieren die Familien Porsche und Piëch 50,1 Prozent der Stimmrechte bei VW. Die Altersgrenze für Vorstände haben die Wolfsburger Machthaber gleich mit für obsolet erklärt, weil der bald 65-jährige Vorstandsvorsitzende Martin Winterkorn den Konzern noch ein paar Jahre führen soll.

Die Berufung der gelernten Kindergärtnerin Ursula Piëch in das Aufsichtsgremium wurde von Aufsichtsrat und Betriebsratschef Bernd Osterloh ebenso freudig begrüßt wie vom Ministerpräsidenten David McAllister (CDU) als Vertreter des zweiten Großaktionärs Niedersachsen. Unter den zehn Kapitalvertretern bleibt mit der schwedischen Bankerin Annika Falkengren nur eine unabhängige Persönlichkeit. Das Sagen haben künftig allein die Großaktionäre: fünf Vertreter der Familien Piëch und Porsche, zwei Vertreter Niedersachsens und zwei Katarer, die mit ihrer Staatsholding dem Clan beisprangen, als es galt, die über Porsche erworbenen VW-Anteile zu finanzieren. Zusammen halten die drei Großaktionäre rund 90 Prozent der VW-Stimmrechte. Weder von den autoaffinen Arabern, noch von den Niedersachsen ist Kritik am selbstherrlichen Stil des Patriarchen und seinem Gefolge laut geworden. Auch Wolfgang Porsche, der einst mit Wendelin Wiedeking versucht hatte, die Allmacht Ferdinand Piëchs zu brechen, hat sich dem machtbewussten Vetter gefügt. Wer aber traut sich künftig noch, rechtzeitig mögliche Übertreibungen der VW-Führung zu stoppen?

Die Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat jedenfalls sind zuletzt nicht als Korrektiv aufgetreten. Im Gegenteil: Als das 17,4-Millionen-Euro-Salär von Martin Winterkorn für öffentliche Empörung sorgte, verteidigten IG-Metall-Chef Berthold Huber und Betriebsrat Osterloh unisono den Gehaltssprung. Obwohl der VW-Chef damit rund das 350-fache eines normalen VW-Facharbeiters verdiente. Solange VW Arbeitsplätze schafft und gute Gewinnbeteiligungen zahlt, lassen sie Piëch und Winterkorn gewähren.

Bleibt abzuwarten, wie sich die willigen Kontrolleure in der nächsten Krise bewähren. Denn die, das lehrt die Geschichte von VW und anderen großen Autokonzernen, kommt bestimmt.

Das ist die leicht veränderte Fassung eines Textes, der in der Print-Ausgabe der ZEIT Nr. 17 erschienen ist.