Holländischer Netzbetreiber hemmt deutsche Energiewende – Seite 1

Die Energiewende zwingt selbst Technologieriesen wie Siemens in die Knie. Der Münchner Konzern baut gerade im Auftrag des Stromnetzbetreibers Tennet vier sogenannte Stromsteckdosen draußen auf der Nordsee. Es handelt sich um Milliardenaufträge für Umspannwerke. Die Planungen, Genehmigungen und die späteren Bauarbeiten auf hoher See sind hochkomplex. Nun kommt es zu Verzögerungen. Bereits im ersten Quartal verzeichnete Siemens einen Verlust von 203 Millionen Euro. Die Plattform Helwin 1 wird nicht wie geplant in diesem Jahr fertig.

Die Probleme des Konzerns sind offenbar nicht trivial. Am Dienstag berichtete die Financial Times Deutschland , dass auch im zweiten Quartal ähnlich hohe Millionenverluste anfallen werden. Sogar der zuständige Spartenchef für Stromübertragung müsse gehen. Ob ein weiteres Umspannwerk auf See, die Plattform Borwin 2 , wie geplant noch in diesem Jahr fertig wird, dazu will sich Siemens nicht äußern. "Wir waren sicherlich teilweise zu optimistisch", sagt ein Unternehmenssprecher. Es klingt zerknirscht.

Im Mittelpunkt des Geschehens steht vor allem ein Unternehmen: Tennet. Ein niederländischer Mittelständler aus Arnheim, komplett in Staatsbesitz. Das Unternehmen hat im Jahr 2009 dem E.on-Konzern sein Stromnetz abgekauft, das fast den gesamten Norden Deutschlands abdeckt. Seither geht ohne die Niederländer beim Ausbau der Offshore-Windenergie nichts. Tennet lässt zurzeit neun Stromstecker auf See bauen, um Windräder mit einer Kapazität von 5.000 Megawatt ans Netz anzuschließen. 5,5 Milliarden Euro nimmt der Konzern dafür in die Hand.

Das ist eine Summe, die der Konzern eigentlich nicht hat. Tennet ist ein Mittelständler mit gerade einmal 900 Mitarbeitern in Deutschland. Der Nettogewinn lag 2011 bei 200 Millionen Euro, wie Tennet am Dienstag bekanntgab . Damit das Unternehmen überhaupt arbeiten kann, musste die niederländische Regierung im vergangenen Jahr eine Kapitalspritze von 600 Millionen Euro verabreichen.

"Die Investitionen, die Tennet in den kommenden Jahren stemmen muss, sind beispiellos", sagt eine Sprecherin des Konzerns, "kein anderes Unternehmen investiert so viel in die Energiewende wie Tennet." Der Konzern muss eben nicht nur die Windparks auf hoher See ans Stromnetz anschließen. Auch an Land gibt es enormen Ausbaubedarf, allein Schleswig-Holstein benötigt mehr als 600 neue Kilometer Höchstspannungsleitungen .

Tennet in der Zwickmühle

Es ist eine verzwickte Lage für Tennet. Auf der einen Seite ist der Stromnetzbetrieb ein enorm lukratives Geschäft: Das Unternehmen agiert in einem regulierten Markt, die Netzentgelte – also die Preise für Stromübertragung – genehmigt die Bundesnetzagentur. Rund neun Prozent Eigenkapitalrendite sind Tennet sicher – Renditen, die Sparbuchbesitzer neidvoll sehen. "Tennet erwartet in den kommenden Jahren einen weiteren Umsatzanstieg aufgrund der zunehmenden Aktivität, insbesondere auf dem deutschen Markt", heißt es in der aktuellen Pressemeldung . Das Unternehmen vergibt Milliardenaufträge an Firmen wie ABB oder Siemens. Er einer der wichtigsten Auftraggeber für solche Konzerne. Ein schlechtes Wort über die Niederländer kommt ihnen nicht über die Lippen.

Auf der anderen Seite ist kein anderer Stromnetzbetreiber so gefordert wie Tennet. Als das Unternehmen das Stromnetz vor drei Jahren kaufte, unterschätzten die Niederländer offenbar den Ehrgeiz der Deutschen bei der Energiewende. Gerade im Norden Deutschlands fallen die höchsten Netzinvestitionen an. Offshore-Windenergie soll das Rückgrat der Energiewende sein, bis zum Jahr 2025 sollen in Nord- und Ostsee Windräder mit einer Kapazität von 25 Gigawatt stehen. Das entspricht theoretisch der Leistung von etwa 25 Atomkraftwerken. Der Strom muss zuerst an Land und dann zu den Verbrauchern im Süden transportiert werden. "Es kann nicht sein, dass die Verantwortung für die Energiewende auf ein Unternehmen abgeschoben wird", sagt die Sprecherin. "Und es ist nicht Aufgabe des niederländischen Staates, die deutsche Energiewende zu finanzieren."

Ende vergangenen Jahres schrieb Tennet deshalb einen Brandbrief an die Bundesregierung . Die Essenz: Wir schaffen es nicht, die Finanzierung wächst uns über den Kopf, die Zeitpläne sind zu ambitioniert. Wir brauchen Hilfe. Daraufhin schlossen sich Bundesregierung, Bundesnetzagentur und Branchenvertreter in einer Arbeitsgemeinschaft zusammen.

 Wer haftet bei einem Blackout auf See?

Das drängendste Problem dreht sich – kaum überraschend – ums Geld. Nach ersten Schätzungen werden sich die Offshore-Windparkbetreiber künftig eine goldene Nase verdienen. Jede auf hoher See produzierte Kilowattstunde Windstrom bekommen sie per Umlage vergütet. Sollten in den kommenden drei Jahren tatsächlich 5.000 Megawatt Offshore-Leistung installiert sein, würden die rund 15 Windparks bei den derzeitigen Vergütungssätzen rund vier Milliarden Euro Einspeisevergütung einnehmen – und zwar jährlich. Was aber ist, wenn ein Transformator auf einem Umspannwerk von Tennet ausfällt? Wenn ein Schiff die Plattform rammt? Jemand müsste dann die Windparkbetreiber entschädigen.

Tennet kann und will das nicht stemmen. Schließlich könnten Summen fällig werden, die teilweise selbst Versicherungen nicht mehr übernehmen wollen. "Tennet kann die Haftung aufgrund seiner Bilanz nur in bestimmtem Umfang leisten", sagt Thorsten Falk von der Offshore-Stiftung. "Und niemand hat ein Interesse daran, dass ein Übertragungsnetzbetreiber in die Insolvenz schlittert. Neben der Klärung der Haftungsfrage brauchen wir deshalb ein Netz, das die Risiken deutlich reduziert und damit zum Großteil versicherbar macht."

Wer haftet beim Stromausfall auf hoher See?

Die Bundesregierung hat daher in der Arbeitsgemeinschaft zugesagt, eine gesetzliche Lösung für die Haftungsfrage zu finden. Am Ende geht es darum, welchen Anteil alle Stromkunden per Umlage finanzieren und welchen Anteil Windparkbetreiber und Tennet stemmen müssen. Das Bundesumweltministerium erarbeitet zurzeit mit dem Wirtschaftsministerium den ersten Entwurf. Der Strompreis wird also aller Voraussicht nach steigen. Wie sehr ist noch unklar.

Für Tennet ist diese Haftungsregelung überlebenswichtig. Die Niederländer brauchen eine Finanzierungsgrundlage. Vor wenigen Wochen gaben sie bekannt, endlich einen Mitinvestor für zwei Steckdosen auf See gefunden zu haben: die japanische Mitsubishi Corporation, ein großer, bunter Handelskonzern, der in Stromspeicher, aber auch in Kentucky Fried Chicken investiert. Die Japaner wollen sich als Projektfinanzierer mit 240 Millionen Euro beteiligen. Für zwei weitere Investments in Stromplattformen allerdings stellte Mitsubishi eine Bedingung: Der Konzern macht nur mit, wenn die Bundesregierung die Offshore-Haftungsfrage klärt.

Tennet spielt diesen Ball weiter. Seit Ende 2011 steht etwa die Auftragsvergabe für eine weitere Stromsteckdose aus, für Dolwin 3 . Jeder Tag, der weiter ins Land zieht, ärgert die Entwickler von Windparks, die ihre Windmühlen an Dolwin 3 anschließen müssen. Sie können ohne Netzanschluss nicht weiter planen. Tennet macht Druck: "Die eindeutige Regelung der Haftungsfrage für den Fall, dass die Leitung einmal nicht funktioniert, ist für uns kurzfristig Voraussetzung für den erfolgreichen Abschluss von Ausschreibungen."

Der Schwarze Peter liegt also bei der deutschen Politik. Bis zur Sommerpause will die Regierung einen Entwurf für die Haftungsregelung vorlegen. Das wäre Anfang Juli. Der Offshore-Ausbau verzögert sich also weiter.